Selbstaufgabe


Veröffentlicht am 16. Oktober 2015

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Bundesliga verabschiedet die Meisterschaft

Die Zwerge kapitulieren. Den Bayern ist kein Vorwurf zu machen, sie haben sich das hereinbrechende Gesamtlob verdient, erspielt und über Jahre erarbeitet. Das nötige Kleingeld für Mario Götze, Robert Lewandowski, Diego Costa, Arturo Vidal und allem was sonst an Personal nötig selbstverständlich stets zur Hand. En passant haben sie nun auch den Kampfgeist in der Liga des Weltmeisters gebrochen und pulverisiert, eine neue Qualität, so noch nicht dagewesen. Die Kapitulation der ehemaligen Gegner, vielleicht die größte Leistung der Bayern. Die Bundesliga ist von Angst befallen, in einer Art vorauseilendem Gehorsam gehen keine sportlichen Kampfansagen Richtung München, sondern nur noch der kollektive Kotau. Ein Mix aus Huldigungs- und Ergebenheitsadressen erreicht den Tabellenführer im Minutentakt. Vermeintliche Konkurrenten für wenigstens ein Spiel senden Gesten der Selbstaufgabe. Die Übungsleiter schauen aus dem Trainingsanzug wie verirrte Lämmer vor der Schlachtbank, huldigen dem Bayern-Spiel und dessen Trainer schon vor Anpfiff. Staunend, wie Kleinkinder im Spielzeugladen, bedanken sie sich artig, wenigstens dabei sein zu dürfen. Zauberlehrlinge bestaunen Merlin. Wie wirkt dieses Verhalten der Verantwortungsträger eigentlich auf die ihnen anvertrauten Spieler und Mannschaften? Von denen darf doch der Fan und Zuschauer Leistung, Kampf und Einsatz sowie Tore, Siege und Punkte erwarten. Wo ist im Bundesliga-Alltag des Jahres 2015 nur die Courage früherer Herausforderer geblieben?

Sport ist Wettkampf, dabei auch immer David gegen Goliath. Der Wettkampf um die deutsche Fußballmeisterschaft wird allerdings per Medien-Ukas nach dem achten Spieltag für beendet erklärt. Das Wort vom perfekten Spiel und dem perfekten Team macht die Runde. Es mag längst als Majestätsbeleidigung gelten, aber es sollte noch erinnert werden, zwei der drei Bayern-Punkte beim Heimspiel gegen Augsburg waren der Fehlleistung des Schiedsrichters zu danken und nicht der Perfektion. Euphorisierende und sich überschlagende Schlagzeilen, im Zusammenspiel mit dem oftmals tatsächlich perfekten Spiel der Bayern, lassen die anderen Bundesligisten erstarren. Sie suchen nicht wie David den Stein für die Schleuder, sondern schnell das Weite, dies allerdings mit einem Schwall blumiger Worte. Soviel Zeit muss sein. Die grauen Mäuse proben den Aufstand, brechen ihn bei erstem Gegenwind ab und üben sich nun in kollektiver Unterwerfung. Die gilt wie selbstverständlich nicht nur für diese Saison, man hat sie vorsorglich gleich für die nächsten Jahre verkündet. Der Spiegel liefert der peinlichen Beendigung des Meisterrennens in der Bundesliga eine hilfreiche Krücke, den Gescheiterten und deren Fans eine Neun-Gründe-Liste, welche erklärt, warum die Bundesliga dennoch spannend sei. Dabei wird man auf das Rennen um Platz zwei verwiesen, auf das Duell um die Torjägerkrone und den Abstiegskampf. Schöne neue Fußballwelt, tolle „Meisterschaft“.

Hätte Gebhard von Blücher die Angst befallen oder Roald Amundsen sich von der Furcht lähmen lassen, die Schlacht von Waterloo wäre anders ausgegangen, der Südpol ein unerfüllter Traum geblieben. Der preußische Feldmarschall und seine demoralisierte Armee hatten bei Ligny gerade eine Schlacht gegen Napoleon verloren, setzten diesem dennoch mutig nach, um ihn gemeinsam mit den Truppen Wellingtons auf belgischer Erde zu besiegen. Der norwegische Polarforscher Amundsen spürte 96 Jahre später den Atem des besessenen Konkurrenten Scott im Nacken, blieb dennoch von Mission und seinen Männern überzeugt. Übermenschliche Herausforderungen, Zweifel und Verzagtheit konnten ihm in den Eiswüsten der Arktis nichts an. Als erster Mensch der Welt erreichte er den Südpol, hisste dort die Fahne des kleinen Norwegen, das übermächtige England kam in Person von Robert Scott zu spät. Der Schriftsteller Stefan Zweig schrieb einst im Joseph Fouché: „Jeder duckt sich hinter den andern, jeder schielt nach rechts oder links, ehe er eine Bewegung wagt, wie ein drückender Nebel liegt die Angst grau auf den Gesichtern; und nichts erniedrigt den Menschen und besonders eine Masse von Menschen mehr als die Angst vor dem Unsichtbaren.“

Hat Uli Hoeneß den FC Bayern durch Angst zu dem gemacht, was der Verein heute ist, furchtsam seinen Klub zum Gipfel geführt? Mitnichten! Haben die einstigen Herausforderer aus Gladbach, Hamburg, Bremen, Wolfsburg und Dortmund sich durch Feigheit und Furcht leiten lassen, ihren Konkurrenten und Gegner Bayern ängstlich geschont? Hüllten sich Günter Netzer, Branko Zebec und Ernst Happel beim HSV, Willi Lemke und Otto Rehhagel bei Werder, Felix Magath beim VfL Wolfsburg oder Jürgen Klopp beim BVB in Angst? Im Gegenteil! Sie zogen nicht aus, um das Fürchten zu lernen, sie zogen aus, um die Bayern zu schlagen und Meister zu werden. So unterschiedlich sie auch waren, es einte sie eine große Portion Charisma. Sucht man heute nach Charisma im Bundesliga-Alltag, landet man wieder bei den Bayern und wird durch Pep Guardiola bestens bedient.

Als Alex Ferguson 1986 bei Manchester United antrat war sein neuer Verein am Boden, Klub und Team ein kaputter Abstiegskandidat. Der FC Liverpool dominierte den englischen Ligaalltag und herrschte über Europa. Fergusons erste Adresse Richtung Reds: „Ich will Liverpool von ihrem verdammten Ast sägen.“ Fußballengland schüttelte den Kopf, Ferguson wurde verspottet. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt. Bleibt die Frage nach der Säge. Wo ist sie in Fußballdeutschland zu finden, wer hat den Mumm sie zu führen? Ein Rundblick reicht aus, mit Spänen ist nicht zu rechnen. Verneigen wir uns also Richtung Bayern, ziehen den Hut und senken den Säbel, gratulieren zur Deutschen Meisterschaft 2015/16. Eines wissen die erfolgsbesessenen Bayern besser als jeder andere, wenn es auch niemand offen ausspricht. Sollte der Champions League Sieg nicht gelingen, wird weder der 26. Meistertitel noch die Flut der Gratulanten und der beigefügte DFB-Pokal die Bayern trösten. Einzig der 28. Mai 2016 im Giuseppe-Meazza-Stadion in Mailand zählt. Das Ergebnis an diesem Endspiel-Tag entscheidet einzig und allein, ob es eine gute oder nur eine normale Saison für den deutschen Fußballgiganten war. In Sachen „Mitbewerber“ in der Bundesliga bleibt nur die Flucht zu Brecht: „Und so sehen wir betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Redaktion Magath & Fußball

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