„Fußballhelden sind auch nur Menschen“


Veröffentlicht am 19. Oktober 2015

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TV-Moderator Markus Lanz im Interview

Er ist ohne Frage eines der prägenden Gesichter der modernen deutschen Fernsehunterhaltung. Von seinen Anfängen als Volontär bei Radio Hamburg, über seine Zeit als Nachrichtenmoderator bei RTL Nord, bis hin zu seinem endgültigen Durchbruch als Moderator und Redaktionsleiter des RTL-Magazins „Explosiv“ hat sich Markus Lanz in der Fernseh- und Medienlandschaft unserer Zeit einen Namen gemacht. Seit 2009 ist der gebürtig aus dem italienischen Bruneck stammende 46-Jährige im ZDF mit einer eigenen Talkshow unterwegs, moderierte unter anderem zwischen 2012 und 2014 die beliebte Samstagabendshow „Wetten, dass…?“. Im Interview mit Magath & Fußball spricht Markus Lanz über seine Herkunft, viele besondere Momente seiner Berufskarriere und seine Leidenschaft für den Sport und den Fußball.

Als Südtiroler sind Sie in Italien geboren, wie würden Sie den Unterschied zwischen italienischem und deutschen Fußball definieren?

Markus Lanz: Beim italienischen Fußball steht meistens die Defensive im Vordergrund. Die deutschen Mannschaften schießen mittlerweile ja lieber Tore. Und was die Fans angeht: Ich habe das Gefühl, die Italiener lassen ihren Fußballern die eine oder andere Extravaganz etwas leichter durchgehen als die Deutschen. Ich war beim Militär in Neapel, als dort Diego Maradona spielte. Und es kursierte die schöne Geschichte, dass es nur einen wirklich verlässlichen Hinweis darauf gab, ob er überhaupt zum Training erscheinen würde oder nicht: nämlich das Röhren seines Ferraris in der Garage unterm Stadion. Die Fans dort liebten das, hierzulande wäre uns ein Profi mit einer solchen Einstellung eher suspekt. Zu Recht übrigens.

Sie haben im TV-Geschäft alles erreicht, das Fernsehformat ist Ihr Berufsleben. Sie sind längst ein Markenname. Gibt es trotzdem Momente, in denen Sie gern jemand anders wären?

Lanz: Das Leben ist eine Aufgabe, und wir haben sie zu lösen, ganz egal, was es für uns bereithält: So habe ich das immer gesehen. Deshalb stellt sich auch die Frage nicht, ob ich gern jemand anderer wäre. Es gibt allerdings Momente, in denen ich merke, wie schmerzhaft der Verlust von Anonymität ist. Zum Beispiel, wenn jemand heimlich fotografiert, wie ich gerade völlig fertig und verschwitzt von meinem Mountainbike steige. Und da kann man dann auch nicht sagen: Der muss sich das gefallen lassen, nur weil er eine öffentliche Person ist. Es ist einfach nur eine Frage von etwas Takt und Respekt. Mit allen anderen Risiken und Nebenwirkungen dieses Berufs lebe ich und beklage mich nicht. Da fällt mir ein: Es gibt doch etwas, was mir gefiele. Manchmal wäre ich gerne für einen Sommer lang Senner auf einer Hochalm in den Dolomiten. Ich kenne viele von ihnen, und ich weiß genau, wie sie leben: nur mit den Tieren, ohne Strom und WLan-Router, aber ungeheuer frei und schön.

Mehrfach schon war Felix Magath Gast bei Markus Lanz, zuletzt am 30. September.

Mehrfach schon war Felix Magath Gast bei Markus Lanz, zuletzt am 30. September.

Woran denken Sie direkt vor einer Sendung und was ist Ihr erster Gedanke nach der Sendung? Was passiert mit Markus Lanz sozusagen zwischen Anpfiff und Abpfiff?

Lanz: Wenn die Anspannung manchmal zu groß wird, lenke ich mich ab, indem ich mit Menschen in meiner direkten Umgebung über ganz banale Dinge spreche: Urlaub, Wetter, Fußball, wie läuft’s mit den Kindern in der Schule. Normalerweise aber bin ich sehr fokussiert auf das, was kommt, und kriege links und rechts überhaupt nichts mehr mit. Ich bin dann wirklich im Tunnel und freue mich auf die Sendung, weil ich es immer noch als großes Privileg empfinde, diese Arbeit zu machen. Wer trifft schon Ken Follett und kann ihn fragen, wie seine großen Romane entstehen. Die Antwort lautet übrigens: Er macht das wie ein Facharbeiter in einer Fabrik, fängt morgens immer zur selben Zeit an und macht abends pünktlich Feierabend und um Punkt 18 Uhr gönnt er sich mit seiner Frau ein Gläschen Champagner. Und auf die Frage, was denn der beste erste Satz sei, den er jemals geschrieben habe, antwortete er: The boys came early to the hanging. Das ist deshalb grandios, weil sich jeder sofort fragt, was sind das für kleine Jungs, die frühmorgens irgendwohin kommen, um zu sehen, wie einer gehenkt wird. Nach einer solchen Sendung ist mein erster Gedanke: was für ein Heidenspaß!

Das alte Monty-Python Schlachtross John Cleese durchbrach vor kurzem einige Talkshow-Regeln. Ihnen machte diese Spontanität offenkundig diebischen Spaß. Würden Sie sich von anderen Gästen ebenfalls etwas mehr „Anarchismus“ wünschen und die Grenzen des Formats ab und an durchbrechen?

Lanz: Das war ein großartiger Auftritt! Ja, es hat immer einen besonderen Reiz, wenn in der Sendung etwas offensichtlich Ungeplantes passiert, und es macht mir einen Mordsspaß. Wenn ich hinterher darauf angesprochen werde, merke ich oft, dass es die Zuschauer ganz anders wahrgenommen haben, eher nach dem Motto: Das war Ihnen doch sicher sehr unangenehm, oder?! Dabei ist das Gegenteil der Fall! Mit Max Giermann, der mich bei Switch so grandios parodiert, habe ich auch schon mal den Stuhl getauscht. Das war übrigens auch so ein Anarcho-Interview: Während ich ihn befragte, merkte ich, wie er begann, mich zu studieren. Also habe ich sämtliche Fragen sausen lassen und mich mit ihm darüber unterhalten, welche Gesten, welche Floskeln, welche Mimik denn typisch für mich sei. Und während er mir zeigte, was im Gesicht eines Menschen passieren muss, um möglichst nach Markus Lanz auszusehen, tat ich alles, um genau das zu vermeiden. Wir haben uns köstlich amüsiert. Ähnlich schön war’s mit Stephen King, der auf die Frage, ob er durch die jahrelange intensive Beschäftigung mit mörderischen Typen auch schon leicht deformiert, sprich paranoid geworden sei. Worauf er die herrliche Antwort gab: „Nein, gar nicht. Ich achte nur darauf, dass im Schlaf niemals eines meiner Beine übers Bettende hinausragt.“ „Warum denn nicht?“ „Weil ich glaube, dass da unterm Bett einer wartet und mich dann runterzieht.“

Sport und Fußball ist in Ihren Sendungen immer ein Thema. Gibt es eine Sportart, die Markus Lanz bevorzugt, mit Leidenschaft gerne betreibt?

Lanz: Laufen, Mountainbiking, lausig Windsurfen und vor allem Skifahren. Ich bin in einem kleinen Bergdorf mitten in den Dolomiten aufgewachsen, und ich dachte im ersten Drittel meines Lebens, dass die Welt aus Kälte, Schnee und schlechten Schlagern aus Après-Ski-Lokalen besteht. Ich bin erst mit 24 das erste Mal geflogen und merkte erst Anfang 30, dass zumindest das mit den Schlagern auch zu Mallorca gehört. In meiner Klasse in unserer kleinen Bergschule waren wir damals fünf Jungs. Der Einzige, der es nie geschafft hat, Skilehrer zu werden, bin ich.

Markus Lanz (Mitte), selbst leidenschaftlicher Skifahrer, trifft im Rahmen der ORF-Show „Wettlauf zum Südpol“ die österreichische Skilegende Hermann Maier (rechts).

Markus Lanz (Mitte), selbst leidenschaftlicher Skifahrer, trifft im Rahmen der ORF-Show „Wettlauf zum Südpol“ die österreichische Skilegende Hermann Maier (rechts).

Der Redaktionsalltag erfordert enormen Zeitaufwand. Inwieweit bleibt für Sie überhaupt Raum für sportliche Betätigung?

Lanz: Ich habe 2003 eine längere Skitour zum Nordpol gemacht. Seitdem bin ich eigentlich konstant drangeblieben. Ich mache fast jeden Tag irgendwas, meistens Laufen oder auch ein bisschen Krafttraining. Das funktioniert. Man muss es allerdings wirklich wollen. Und das heißt: Es auch dann wollen, wenn es morgens draußen um sieben noch stockdunkel ist und der Regen langsam in Schnee übergeht.

Haben Sie einen Bezug zum aktuellen Geschehen in der Bundesliga? Würden Sie sich vielleicht gar als Fan oder regelmäßigen Stadionbesucher beschreiben?

Lanz: Ich verfolge das alles recht intensiv und habe mich nach den ersten Spielen – bis zum 5:1 in München – gefragt, was das Geheimnis von Thomas Tuchel sein mag. Wie kann es sein, dass aus einem Kader, der im vergangenen Jahr eher volatil unterwegs war, plötzlich eine Mannschaft mit dem unbedingten Willen zum Siegen wird? Als Fan einer bestimmten Mannschaft würde ich mich aber nicht bezeichnen. Und was Stadionbesuche angeht: Mir fehlt meistens die Zeit dazu, ab und zu mal schaffe ich es aber und mag vor allem die Atmosphäre in Dortmund.

Fußballtrainer benötigen aufgrund unterschiedlichster sozialer und kultureller Einflüsse auf die Spieler in einer Mannschaft ein gewisses Moderationstalent. Welche Parallelen erkennen Sie darüber hinaus zu Ihrem Beruf?

Lanz: Darüber habe ich noch nie nachgedacht, aber eine Parallele, scheint mir, gibt es tatsächlich: Trainer und Moderatoren müssen die, die sie ansprechen, auch tatsächlich erreichen. Es gibt aber auch fundamentale Unterschiede. Spitzensport wird nach meiner festen Überzeugung im Kopf entschieden, und ich glaube, dass ein Trainer ungeheuer viel Fingerspitzengefühl besitzen muss, um zu verstehen, was einen Spieler gerade bewegt, welche Sorgen er hat, warum er vielleicht nicht trifft. Könnte es nicht sein, dass ein Ausnahmetalent wie Mario Götze nach dem Tor seines Lebens in Brasilien in eine Art Sinnkrise geraten ist? Ich meine: Ein so junger Mann, der wirklich alles schon erreicht hat, wovon selbst altgediente Profis nur träumen können? Der Hinweis aus der Klugschwätzer-Abteilung, dass man sich bei so viel Gehalt gefälligst anzustrengen habe, hilft da nur bedingt. Und noch mehr Geld hilft noch weniger. Also, wie sprichst du als Trainer einen so sensiblen Fußballer richtig an, wenn es aus höchsten Höhen wieder runter in die Niederungen des normalen Bundesliga-Betriebs geht? Und das als Trainer, der selbst unter teilweise fast unmenschlichem Druck steht! Ich glaube, wir alle, die wir von außen zusehen, vergessen zu oft, dass diese modernen Fußballhelden – ob Trainer oder Spieler – am Ende auch nur Menschen sind wie wir.

In der Sendung „Menschen 2014“ präsentieren DFB-Präsisdent Wolfgang Niersbach, Jérôme Boateng und Mario Götze (von links) im Dezember 2014 den WM-Pokal.

In der Sendung „Menschen 2014“ präsentieren DFB-Präsisdent Wolfgang Niersbach, Jérôme Boateng und Mario Götze (von links) im Dezember 2014 den WM-Pokal.

Welchen Fußballtrainer oder Funktionär würden Sie über Ihre bisherigen Gäste hinaus gern einmal in einer Ihrer Sendungen begrüßen?

Lanz: Franz Beckenbauer mal abseits vom fußballerischen Tagesgeschäft zu befragen, wäre spannend. Können Sie da vielleicht was machen? (lacht) Und ich würde gerne mal ergründen, ob wir alle Sepp Blatter vielleicht ganz gründlich missverstehen.

Ein moderner Fußballtrainer ist neben dem Alltagsgeschäft auf dem Trainingsplatz heute mehr denn je in seiner Rolle als Entertainer gefordert. Stimmen Sie dieser These zu? Könnten Sie sich umgekehrt selbst auch als Trainer eines Profiteams vorstellen?

Lanz: Da bin ich mir gar nicht so sicher. Natürlich muss ein Trainer das Spiel mit den Medien beherrschen, was nicht einfacher geworden ist, weil die neuen Medien nach ganz anderen Gesetzmäßigkeiten funktionieren als die traditionellen. Aber vergleichen Sie doch mal Jürgen Klopp und Pep Guardiola: unterschiedlicher kann man kaum auftreten, und trotzdem sind sie beide enorm erfolgreich, was in einer modernen Mediengesellschaft nicht nur sportlichen Erfolg bedeutet! Es geht darum, auch medial erfolgreich wahrgenommen und beschrieben zu werden. Erst daraus entsteht dann eine Marke und schließlich ein Mythos. Was die beiden in meine Augen verbindet, ist die einzige Währung, die medial wirklich zählt: nämlich Glaubwürdigkeit. Ach so, meine eigenen Qualitäten als Trainer: Vergessen Sie’s einfach.

Was ist aus Ihrer Sicht heute das wichtigste Merkmal von guter TV-Unterhaltung und einer guten Gesprächsrunde in einem Talkformat?

Lanz: Es gibt keine Formel dafür, sondern ist eher ein Bauchgefühl. Wenn es aber eine Formel gäbe, dann wäre es wohl am ehesten: eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte. Menschen interessieren sich nun einmal für das, was anderen widerfährt, sie vergleichen sich, sind empathisch, regen sich auf. Es ist das, was die Psychologie das „auf sich selbst bezogene Mitleid“ nennt. Wir planen Sendungen sehr genau, und wenn es dann losgeht, dann haben wir einen ziemlich präzisen Fahrplan. Wenn aber dann etwas völlig Unvorhergesehenes passiert – und das passiert oft –, dann geben wir dem Glück eine Chance und lassen es einfach in eine ganz andere Richtung laufen. Unsere Erfahrung ist: Genau daraus entsteht dann manchmal das, was wir im modernen Fernsehen oft so vermissen – nämlich echte Momente.

Haben Sie noch einen Traum?

Lanz: Ja, ich würde gerne Grönland auf Skiern der Länge nach durchqueren. Das fehlt mir noch.

Das Interview führte die Redaktion Magath & Fußball.