Football and Crime


Veröffentlicht am 8. November 2015

0 Flares 0 Flares ×
Philip Kerrs Fußballthriller spielt in London.

Philip Kerrs Fußballthriller spielt in London.

Ein spannender Fußballkimi ist auf dem Markt

Auf den Außenstehenden wirkt die kollektive Hysterie des Fußballs stets etwas sonderbar. Die Fußballgemeinde dagegen ist enthusiasmiert und hält alles für völlig normal. Zwischen diesen Polen liegt der Stoff für gute Geschichten. Von einer interessanten Variante soll hier erzählt werden. Assistenztrainer Scott Manson ist beim Fußballclub London City unter Vertrag, einem der wichtigsten Vereine in der Premier League. Dort arbeitet er unter dem portugiesischen Startrainer und Manager João Gonzales Zarco, der größte Trainerzampano auf dem globalen Fußballmarkt. Es ist Weihnachten, schwierige Transfers müssen geregelt werden und der Boxing Day steht vor der Tür. Wir tauchen mit Wucht in den Alltag des englischen Fußballs und einer Welt, die den Ball für den Mittelpunkt der Erde hält. Trainiert wird bei London City in Hangman’s Wood, das hypermoderne Stadion am Silvertown Dock nennen die Londoner Crown of Thorns. Der vierzigjährige Scott Manson bewundert seinen eloquenten wie reizbaren Chef Zarco und hasst Weihnachten. Für beides hat er allerdings wenig Zeit. Erst erhängt sich ein langjähriger Freund, mitten im Crown of Thorns wird dann auch noch der große Zarco tot aufgefunden. Mord liegt in der Luft. Der ukrainische Oligarch Viktor Sokolnikow, seines Zeichens Milliardär und fußballverrückter Besitzer des Clubs London City, weiß um die Spürnase seines Co-Trainers und mag keine Polizei. Scott Manson macht er schnell zum Zarco-Nachfolger und verpflichtet ihn zu internen Ermittlungen im Verein.

Über Scott Manson brechen die Dämme, das Spiel beherrscht er, die Intrigen und Ingredienzen von Habgier, purem Hass und blindwütiger Eifersucht setzen ihm dagegen schwer zu. Allein wäre er wohl verloren. Ein Helfer aus alter Zeit ist ihm verlässlicher Partner. Maurice McShane saß einst mit Manson im Knast, der Grund soll hier nicht verraten werden. Der Kumpel kümmert sich im Club um tumbe Spieler, die zwischen Tattoo-Studio und Playstation den Alltag nicht beherrschen und hält diese mit ihren täglichen Dummheiten aus den Schlagzeilen. Wem bei diesem Plot und den agierenden Figuren nicht unweigerlich die Namen FC Chelsea, José Mourinho und Roman Abramowitsch durch den Kopf geistern muss wohl völlig ignorant in Sachen Fußball sein und Synchronschwimmen für das Highlight der Sportwelt halten. Das alles und sehr viel mehr gibt es unter dem Titel „Der Wintertransfer“ im Deutschen Buchhandel. Die englische Originalausgabe erschien 2014 bei Head of Zeus, London. Der schottische Krimi-Autor Philip Kerr hat seine Fiktion sehr nah an der Wirklichkeit gebaut. In einem Vorwort beteuert er deswegen zur Vermeidung falscher Schlüsse: „Dieses Buch erzählt eine erfundene Geschichte“.

Wer sich nicht auskennt im Universum Fußball, kann trotzdem am Thema sein Lesevergnügen finden. Fußballkenner werden einiges eher zu dick aufgetragen empfinden. Natürlich gibt es auch bei Kerr den homosexuellen Profi im Team, dieser kommt aus Deutschland und berichtet dem neuen Coach seine Orientierung. Dies nicht in aller Öffentlichkeit sondern im Refugium der Trainerkabine unter vier Augen. Philip Kerr will eben nichts auslassen was er sich unter der heutigen Fußballwelt so vorstellt. Dabei kommt er der Realität manchmal sehr nahe, schießt ab und an über sein Ziel und pendelt zwischen trivialen Binsen und lesenswerten Passagen. Wenn allerdings die Figur Zarco über die Idiotie einer WM in Katar wettert, wünscht man allen Funktionären, welche diese unsägliche Entscheidung getroffen haben, klingende Ohren. Der Schriftsteller Kerr sieht das verwerfliche und verdorbene dieser WM Vergabe völlig klar und er legt es seinen Protagonisten mit deutlichen Worten in den Mund. Sein Verriss der FIFA ist vollständig und schonungslos, vor allem lesenswert.

Philip Kerr versteht seit jeher etwas von Spannung und liefert Spitzentitel am Fließband. Die legendäre Berlin-Trilogie kommt in bester Noir-Tradition daher. Sein Held darin Bernhard Gunther, den Kerr in den 30er Jahren im Dritten Reich ermitteln lässt. Die Bücher um diesen Philip Marlowe in brauner Zeit machten Kerr weltberühmt und gleichermaßen reich, seine Auflagen und Inhalte gehören zur weltweiten Crème de la Crème der Krimikost. Offensichtlich wollte Philip Kerr nun auf die boomende Fußballbranche aufspringen. Einiges wirkt dabei mit heißer Nadel gestrickt und hat daher den Beigeschmack von Fließbandware. Dennoch ist er mit seiner Geschichte gut unterwegs, sein Buch enthält keine Stockfehler. Kerr ist Herr seines Themas und aller Verästelungen einer Branche, die gerne den Abschottungsanspruch erhebt ohne Studium in kurzer Hose käme keiner hinter die Fassaden dieser Welt. Philip Kerr gelingt dies sehr gut. Im Unterschied zu deutschen Autoren, die uns gern mit sinnentleerten Spielerbiografien und redundanten Fußball-Sachbüchern langweilen, können Briten den Fußball unterhaltend wie spannend in eine Romanhandlung packen. Nick Hornby, über Liebe und Leid eines Arsenal-Fans in „Fever Pitch“ sowie David Peace, mit „Damned United“, der Schilderung der 44-tägigen Amtszeit von Brian Clough bei Leeds United, sind fulminante Beispiele großartiger Fußballromane.

Wer Scott Manson mit „Der Wintertransfer“ in sein Herz geschlossen hat, muss sich nicht gedulden. In England kommt diese Woche bereits der dritte Thriller um den Fußballtrainer mit dem Detektivgen auf den Markt. Als Fortsetzung von „Wintertransfer“ erschien im Juni 2015 schon „Hand of God“. Ein Auswärtsspiel bei Olympiacos in Athen, randalierende Fans auf der Straße, ein toter Stürmerstar auf dem Rasen und eine Menge Geld, Korruption und Zynismus sind hier die Zutaten der Kerr’schen Fußballwelt. Nahtlos geht es in „False Nine“ weiter, der Titel des dritten Wurfs. Auch hier ist Philip Kerr auf der Höhe unserer Zeit. Sein Held, bei London City gefeuert, hat ein millionenschweres Engagement in Shanghai in Aussicht. Der Weg zum neuen Job steht allerdings voller Hürden. Shanghai könnte eine Falle sein. Vorher muss Scott Manson noch nach Barcelona, nicht als Fußball-Manager sondern als Detektiv. Ein Barça-Star ist spurlos verschwunden und soll schnell gefunden werden. Auf seinem Weg durch die Handlung begegnen Manson korrupte Funktionäre, geldgierige Spielerfrauen und weltfremde Jungprofis in allen Schattierungen. Die Schattenseiten der Fußballwelt werden von Kerr genau so präzise seziert, wie er die Schönheit des Sports einzufangen vermag. Die Scott Manson Reihe hat durchaus das Zeug zum Kult.

Genießen wir also den Wintertransfer und freuen uns auf die Falsche Neun und die Hand Gottes. Stoff für weitere Teile scheint ausreichend vorhanden. Philip Kerr macht in einem Kommentar zu seiner Reihe jedenfalls Hoffnung auf mehr: „Heutzutage veröffentlichen Spieler und Trainer ihre Autobiografien ja so eifrig, dass es gar nicht so schwer ist, an die berühmt-berüchtigten Insiderinformationen zu kommen. Solange Fußballer sich gegenseitig beißen, rassistische Beleidigungen an den Kopf werfen und ihren Mitspielern die Frauen ausspannen, gibt es gar keinen Zweifel daran, dass die wichtigste Nebensache der Welt voll guter Geschichten steckt.“

Redaktion Magath & Fußball

BUCHEMPFEHLUNG

Philip Kerr (Scott Manson-Thriller)

Der Wintertransfer
Broschiert: 425 Seiten
Verlag: Tropen (Erscheinungsdatum: 25. September 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3608501384
Preis: 14,95 Euro

False Nine
Hardcover: 400 Seiten
Verlag: Head of Zeus (Erscheinungsdatum: 5. November 2015)
Sprache: Englisch
ISBN: 978-1784971724
Preis: 13,48 Pfund

Hand of God
Hardcover: 400 Seiten
Verlag: Head of Zeus (Erscheinungsdatum: 4.Juni 2015)
Sprache: Englisch
ISBN: 978-1784081577
Preis: 12,08 Pfund