Rudi ratlos


Veröffentlicht am 10. November 2015

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In Leverkusen klaffen Selbstwahrnehmung und Wirklichkeit traditionell auseinander

Bei Bayer 04 ist es seit Jahren das Gleiche: Oberflächlich betrachtet sind die Voraussetzungen im Grunde genommen hervorragend. Darin besteht unter den Verantwortlichen, Fans und den mehr oder weniger kritischen Beobachtern meist im Vorfeld schon Einigkeit. In einer „spielstarken Mannschaft“ stimmt die Mischung aus Talent und jugendlichem Esprit sowie Reife und internationaler Erfahrung. An der Seitenlinie steht ein Mann mit Konzept, exzellenter Ausbildung und „hohem spieltaktischen Verständnis“. Und obendrein sorgt ein „potenter Namensgeber“ für das nötige Kleingeld in der Kasse, das auf dem Transfermarkt dann nicht selten großzügig verteilt wird. Kurzum: Eigentlich, so das allgemeine Verständnis, bietet das Leverkusener Fußball-Universum den idealen Nährboden für sportlichen Erfolg. Eigentlich. Denn die Realität sieht im Großen und Ganzen weitgehend anders aus: Die an den Fußball-Stammtischen der Bundesrepublik gerne und oft aufs Korn genommene Pokalvitrine der Rheinländer liegt tatsächlich erschreckend brach. Gemessen am wirtschaftlichen Starterpaket, man muss es so deutlich sagen, ist der fußballerische Ertrag in der Summe doch ziemlich überschaubar – um nicht zu sagen: äußerst bescheiden. Darüber können auch die regelmäßig halbgaren Champions League Auftritte nur schwerlich hinwegtäuschen. Nachhaltig seriöse Ursachenforschung allerdings verbietet sich offensichtlich, diesen Eindruck jedenfalls vermitteln die Entscheidungsträger auch dieser Tage unisono. Insbesondere Sportdirektor Rudi Völler gibt dabei bisweilen ein seltsames Bild ab.

Geht es nämlich um das Reklamieren fragwürdiger Schiedsrichterentscheidungen, so schimpft der vormalige Torjäger nicht selten wie ein Rohrspatz in erster Reihe. Zuletzt gesehen am elften Spieltag an der Seitenlinie der Volkswagen Arena, als bei Bayers 1:2-Niederlage dem von Nicklas Bendtner erzielten Führungstreffer der Wölfe eine klare Abseitsstellung vorausgegangen war. Bei der Beurteilung hauseigener Unzulänglichkeiten verhält sich der einstige Bundesliga-Torschützenkönig und Weltmeister dagegen, zumindest öffentlich, deutlich zurückhaltender. Dem ist zwar grundsätzlich erst einmal nichts Schlechtes abzugewinnen, unterstellt man Völler hinter verschlossenen Türen eine unmissverständliche und schonungslose Ansprache sämtlicher Kritikpunkte, von denen es derzeit unterm Bayer-Kreuz zugegebenermaßen einige gibt. Ein solcher Auftritt wie gegenüber Moderatorin Jessica Kastrop nach der jüngsten Derbypleite gegen Köln verbietet sich jedoch für einen Mann mit Führungsverantwortung und einer derart großen Erfahrung im Fußballgeschäft. Direkt nach Spielende taugen Journalistenfragen freilich selten zur Erheiterung des Gemüts, zumal im Falle einer empfindlichen Niederlage. So weit, so verständlich. Rudi Völlers Reaktion war aber vor allem deshalb so bizarr, weil Kastrops Fragen nach potenziellen Kritikpunkten an der von Trainer Roger Schmidt für das Derby ausgegebenen taktischen Marschrichtung weder besonders ketzerisch noch allzu aufdringlich formuliert waren. Antworten blieb der Sportdirektor ohnehin schuldig, bedachte die Dame dafür aber mit einer eher abfälligen Geste – und geriet auf diese Weise selbst in den Blickpunkt.

Nicht zum ersten Mal offenbarte der „Grauwolf“ am zurückliegenden Wochenende in Sachen kritischer Aufarbeitung sportlicher Fehlleistungen ein allzu dünnes Fell. Inwieweit dies ein Hinweis auf die Arbeitseinstellung und das Anspruchsdenken in Leverkusen ist, bleibt natürlich spekulativ. Ein roter Faden jedoch lässt sich bei Bayer 04 durchaus erkennen: Schuld sind immer die Anderen. Mal die Schiedsrichter, dann das Verletzungspech, ganz aktuell nun wieder die Medien. Dass die in allen Mannschaftsteilen hochkarätig besetzte Elf zuletzt in fünf Partien 14 Gegentreffer – der 6:0-Erfolg im DFB-Pokal über Regionalligist Viktoria Köln sei an dieser Stelle vernachlässigt – hinnehmen musste, rückt dabei in den Hintergrund. 17 Punkte nach zwölf Bundesliga-Spielen, lediglich 14 geschossene, dafür aber 16 kassierte Tore sowie Tabellenplatz acht nach einem Saisondrittel? Alles halb so wild bei Bayer 04 Leverkusen, das sich nach Bayern und Dortmund mit einem Gesamtmarktwert von mehr als 200 Millionen Euro immerhin den drittstärksten Kader der Liga leistet. Der Abstand auf Rang drei sei mit vier Punkten ja schließlich „nicht riesengroß“, wie Roger Schmidt eben erst altklug anmerkte.

So oder so aber müssen sich sowohl Völler als auch Schmidt die Frage stellen, welchen Anspruch Bayer 04 in der Bundesliga und auf internationaler Bühne für sich erhebt. Will man in absehbarer Zeit das ewig anhaftende Image „Vizekusen“ loswerden, braucht es zuallererst einmal ein überzeugendes Auftreten. Aus den einigermaßen verqueren Reaktionen auf die jüngste Negativserie lässt sich jedoch vor allem eine gehörige Portion Ratlosigkeit erkennen. Wie sonst lässt sich beispielsweise die eigenwillige Analyse des Cheftrainers auf die beiden Champions League Begegnungen mit dem AS Rom erklären, wonach Leverkusen in der Summe beider Partien doch eigentlich „aus dem Spiel heraus mit 6:3 gewonnen“ hätte? Dass man in den Vergleichen mit der Roma jedoch gleich vier Gegentreffer nach Standardsituationen kassiert hatte, zuhause zunächst mit Glück ein 4:4 retten konnte und im Olympiastadion der ewigen Stadt verdientermaßen mit 2:3 unterlegen war, kehrte der gebürtige Sauerländer kurzerhand unter den Tisch. Es bleibt der Eindruck: Bei Bayer 04 ticken die Uhren offenbar ein bisschen anders.

Redaktion Magath & Fußball

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