Letzte Begegnung mit einem Schachspieler


Veröffentlicht am 12. November 2015

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ZEIT-Reporter Ulrich Stock über Helmut Schmidt

Der Anruf kommt meist am Montag oder Dienstag, mitten in der Hauptproduktionszeit. Wenn ich die Nummer auf dem Display meines Telefons sehe, weiß ich schon, worum es geht. Das Büro von Helmut Schmidt. Ob ich Lust hätte auf eine Partie, gleich jetzt? Lust habe ich immer, und wenn der Herausgeber ruft, müssen andere Dinge eben zurückstehen. Sein Büro liegt auf der anderen Seite des Pressehauses. Eine seiner Vorzimmerdamen geleitet mich zu ihm, den ich hinter seinem Schreibtisch nur schemenhaft erkenne. „Rauchen Sie?“ Er streckt mir sein Etui entgegen. Ich lehne dankend ab. Dann zieht er ein winziges Brett hervor, was mich überrascht. Ein großer Schachspieler muss doch ein großes Brett haben!

Unsere allererste Partie verläuft schwungvoll. Er wirft die Züge nur so aufs Brett und fügt gut gelaunt hinzu, er spiele sehr unkonventionell. Das tut er wirklich, und im neunten Zug ist er schachmatt. Aber so leichtfertig wird er nie wieder agieren. Nicht nur die Revanche geht er umsichtig an, auch spätere Partien. Wir spielen immer nur ein, zwei Runden, unterhalten uns kurz über Russland oder China, dann gehe ich wieder an die Arbeit. Er auch. Manchmal wartet in seinem Vorzimmer schon Besuch. Einmal bringe ich zu unserer Schachstunde Kuchen mit, ein Mandelhörnchen und ein Stück Torte. Schach ist ja nicht nur Kampf; es kann auch gemütlich sein. Im Vorzimmer werden die Stücke kritisch gemustert: Essen Sie besser das Hörnchen, wird mir bedeutet. Aber Helmut Schmidt greift sofort nach dem Hörnchen, und es schmeckt ihm. Zwischen unseren Begegnungen liegen große Abstände – gilt es, Niederlagen zu verdauen oder ist es die Weltlage?

Ich freue mich sehr, als jetzt Ende Oktober sein Büro anruft: Ob wir nicht mal wieder? Er war im Krankenhaus gewesen, es ging ihm nicht gut, nur langsam kam er zu Kräften. Lust auf Schach: Das ist ein gutes Zeichen. So fahre ich zu ihm nach Hause, ins berühmte Reihenhaus nach Langenhorn. Ich staune über die normale Straße, die unspektakuläre Anlage. So hat er auch als Kanzler gewohnt. Natürlich ist das Haus gut bewacht. Ich zeige meinen Ausweis, alle Gitter springen auf. Er sitzt schon am Schreibtisch, als ich ins Wohnzimmer trete. Wir losen die Farben aus. Er hat Schwarz. Ich eröffne mit dem Damenbauern. Er wählt eine scharfe Erwiderung. Auf dem Brett ist er ganz der Alte. Ich ducke mich weg, er sucht keine weitere Zuspitzung, nach ein paar Zügen steht alles ausgeglichen und normal. Wir spielen schweigend. „Ich habe das Spiel von meinem Vater gelernt“, sagt er plötzlich, „und habe seither nichts dazugelernt!“ Ich widerspreche ihm: Er gehe viel zurückhaltender zu Werke als in früheren Partien! Kaum habe ich das gesagt, rückt er seinen Turmbauern vor, auf meine Rochadestellung zu – welch ein Angriff, obwohl sein eigener König noch ungeschützt in der Mitte steht. Als Kanzler wäre er ein solches Risiko wohl nicht eingegangen. Ich rücke meine Türme auf die offene Linie. Wollen wir doch mal sehen. „Das wird bald ein Ende haben mit mir“ seufzt er. Das ist so ein Schachspielerspruch. Den Gegner in Sicherheit wiegen und das eigene Können kleinreden – man darf sich nicht davon beeindrucken lassen. Ich sehe seine Hingabe und Konzentration. Mag Schach auch völlig sinnlos sein, bis ins hohe Alter hält es alle Bedrängnis fern.

Nach dem Spiel soll sein Arzt kommen. Wir plaudern noch einen Moment. Wie schätzen Sie die politische Situation ein? „Wir haben eine Weltkrise.“ Dann deutet er in den Garten. „Sehen Sie die Eule? Sie hat uns die ganze Zeit zugesehen.“ Ich folge seinem Blick in die Büsche, dann entdecke ich die Skulptur. Wir verabschieden uns. Auf bald!

(Erschienen in ZEIT-EXTRA, Sonderausgabe „Der Abschied“, 11. November 2015)

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