Marseillaise in Wembley


Veröffentlicht am 17. November 2015

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Beim Playoff-Rückspiel zwischen Irland und Bosnien-Herzegowina wurde in Dublin mit einer Schweigeminute den Pariser Terroropfern gedacht.

Beim Playoff-Rückspiel zwischen Irland und Bosnien-Herzegowina wurde in Dublin mit einer Schweigeminute den Pariser Terroropfern gedacht.

Tage des Unbehagens bestimmen auch die Fußballbranche

Die Iren haben es geschafft, mit einem 2:0-Sieg über Bosnien-Herzegowina gelang ihnen die Qualifikation zur EM 2016 in Frankreich. Wer an die Auftritte irischer Fans bei Großturnieren denkt, der muss sich darüber freuen. Fans von der grünen Insel sind immer ein Stimmungshighlight der tollen und friedlichen Art. Gute Stimmung wird das Turnier gebrauchen können, keiner weiß heute wie es im Sommer 2016 um dieses bestellt sein wird. Frankreichs Fußballidol Just Fontaine, einst Torschützenkönig der WM 1958, sieht skeptisch auf das Turnier im nächsten Jahr. Die französische Sicherheitslage veranlasst den agilen Rentner zum bitteren Rat an seine Landsleute, man möge bitte das Turnier an eine andere Nation abgeben. Auch solche Stimmen gibt es dieser Tage. Sie sind zu verstehen.

Frankreichs Präsident hat jeder Appeasement-Politik eine Absage erteilt, es vor aller Welt erklärt „Frankreich befindet sich im Krieg“, der Papst in Rom sieht unsere Zeit im Dritten Weltkrieg, FAZ-Herausgeber Berthold Kohler übertitelt eine Kolumne der unschönen Wahrheiten mit „Im Weltkrieg“. Die Mörder sind mitten unter uns, der Kontinent Europa hat es am vergangenen Freitag blutig zu spüren bekommen. Ob im Straßencafé, beim Konzert oder beim Fußball, es gibt keine Sicherheit mehr. Der Sport ist längst keine Insel der Glückseligkeit und als öffentliches Ereignis gleichermaßen latent gefährdet. Diese Erkenntnis ist nicht neu und bleibt bitter. Eine ältere Generation wird sich nämlich noch an die Olympischen Spiele 1972 und die toten Sportler auf dem Flugfeld von Fürstenfeldbruck erinnern. Die Solidaritätsadressen Richtung Frankreich sind grandios, sie rühren das Herz und geben in kalter Zeit menschliche Wärme, stehen für die europäische Aufklärung und die Werte unserer Gemeinschaft. Diese Bekundungen, nebst einer kollektiven Betroffenheit, stärken den Zusammenhalt, die Gefahr bannen sie leider nicht.

Wenn heute Abend in Wembley beim Spiel England gegen Frankreich aus 90.000 Kehlen die Marseillaise erklingt, wird es der Höhepunkt dieses Fußballtages sein, Gänsehaut gewiss. Wer sich über den Klang der Marseillaise erfreut, sollte sich auch noch einmal den Text vergegenwärtigen. Es lohnt. Hier wird keine wohlklingende Lyrik angestimmt, um Tränen am Rockzipfel zu vergießen, sondern eine Kampfansage intoniert und Entschlossenheit gegen jedweden Feind in die Welt geschmettert. Einige Passagen wirken beängstigend aktuell, wie aus unseren Tagen herausgebrochen. Man würde allen Europäern den Geist dieser Hymne wünschen. Vielleicht hätte man das Ereignis in Wembley, das Wort Spiel geht einem dieser Tage schlecht über die Tastatur, als einzige Partie stattfinden lassen sollen, alle anderen Vergleiche absagen und durch stilles Gedenken ersetzen. Das Zeichen einer einzigen Ansetzung unter Beteiligung der Équipe Tricolore, mit weltweiter Liveübertragung, wäre wohl ein noch stärkeres Signal gewesen. London ist ein guter Ort für große Gesten. Von hier aus hat einst Winston Churchill die Allianz geschmiedet, welche der Tyrannei eines Adolf Hitler und seines Naziregimes Einhalt gebot und diesen Völkermördern ein fatales Ende bereitete. Die Marseillaise und London, da kommt zusammen, was zusammen gehört.

Redaktion Magath & Fußball

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