Trainerkaleidoskop


Veröffentlicht am 16. Dezember 2015

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2:1 gegen José Mourinho und den FC Chelsea: Claudio Ranieri und Leicester City stehen weiterhin an der Tabellenspitze der Premier League.

2:1 gegen José Mourinho und den FC Chelsea: Claudio Ranieri und Leicester City stehen weiterhin an der Tabellenspitze der Premier League.

Trainer im Auf- und Abwind

Der 1951 in Rom geboren Claudio Ranieri hat einige Trainerstationen hinter sich. Eher unscheinbar waltet er seines Amtes. Mit Valencia gewann er so den UEFA Supercup, mit Griechenlands Nationalmannschaft scheiterte er während der EM-Qualifikation, dortige Nachfolger waren darin keinen Deut besser. Beim FC Chelsea musste er einst dem charismatischen José Mourinho auf unwürdige Art und Weise weichen. Als Ranieri zu Saisonbeginn bei Leicester City anheuerte, sollte und wollte er den Club sicher in der Premier League halten, den Abstieg vermeiden. Die Aufgabe schien schwer. Ohne Theaterdonner machte sich Ranieri ans Werk. Seither produziert er Erfolg und keine Schlagzeilen. Die machen sein Verein und vor allem die beiden Stürmer Riyad Mahrez und Jamie Vardy. Ob Bundesliga, Serie A oder Primera División, oben immer die üblichen Verdächtigen und in Frankeich der erwartete Überflieger. Nur in Englands Premier League funktioniert derzeit ein Fußballmärchen. Leicester City vor den Giganten des Systems, die dem frischen wie frechen Team aus der Mitte Englands lahm und ohne Esprit hinterherhecheln. Nach dem 16. Spieltag Platz eins der Tabelle, dies völlig verdient. Regisseur der Erfolgsgeschichte: Claudio Ranieri.

Es werden auch andere Geschichten geschrieben. Der englische Sport-Boulevard möchte Louis van Gaal fällen, der deutsche Boulevard plappert freudig nach. Gewichtige Argumente mögen gegen den kantigen Holländer sprechen. Es läuft nicht bei Manchester United. Das Team fliegt desaströs aus der Champions League und kommt auch in der Premier League nicht von der Stelle. Der akribische van Gaal könnte durchaus an der Mentalität der britischen Clubs und deren Trainingsbequemlichkeit scheitern. Allerdings sollte ein eventuelles Scheitern dieser Sportehe auch ein Umdenken beim Verein befördern. ManUtd ist immer noch eine Ferguson-Welt. Welcher Trainer soll in ihr arbeiten und überleben? Der Schotte David Moyes konnte dies nicht. Louis van Gaal hat allerdings Nehmerqualitäten der besonderen Art. Die bräuchte auch der eher dünnhäutige Rafael Benítez bei Real Madrid. Dort ergeht es ihm, früher als gedacht, nicht sonderlich gut. Ein untrainierbares Starensemble, welches zum Schein als Fußballmannschaft firmiert, bleibt ein untrainierbares Starensemble. Diese Erkenntnis muss der Madrilene längst gewonnen haben. Ein Team mit Cristiano Ronaldo kann auf Dauer der Marke CR7 und seinem Namenspatron Geld und Ehre einbringen, Torschützentrophäen an Land ziehen und ab und an auch Titel gewinnen, eine Mannschaft mit Teamgeist lässt sich mit einer egomanischen Diva nicht bauen, Weltfußballer hin oder her.

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Die Hürde Wolfsburg war für Louis van Gaal und Manchester United in der Champions League Gruppenphase zu hoch.

Das Team von Borussia Mönchengladbach schien den hohen Anforderungen eines Lucien Favre nicht mehr gewachsen, die Spieler waren offenbar der anstrengenden Arbeit überdrüssig. Es kam, wie es kommen musste. Favre roch den Braten offenbar früh und demissionierte. Das Team spielte sofort frei und glücklich auf, die abgedroschenen Muster griffen, „der Trainer redet viel mit uns“, man zeigte Fußball mit Erfolg. Eine oberflächliche Öffentlichkeit ging den Spielern auf dem Leim und schob den schwarzen Peter natürlich Richtung Favre. Derweil der Erfolg dem Übergangscoach André Schubert zugeschrieben wurde. An Schubert, als Kumpeltyp ideal für die Spieler, konnte der Verein wegen dessen öffentlicher Heiligsprechung dann nicht mehr vorbei. Die Spieler haben sich auf dem Platz und daneben mächtig reingehauen, damit ihren Wunschtrainer bekommen. Max Eberl hat ihnen gegeben was sie wollten und wird es hoffentlich nicht bereuen. Das Team hat nun, was es will und man kann das erneute Abgleiten in die Bequemlichkeit mit Händen greifen. Die zweite Halbzeit in Manchester war indiskutabel, die Ligapleite in Leverkusen blamabel, der DFB-Auftritt gegen Bremen fahrlässig und peinlich. Ob dieses Team nur für eigennützige und zeitlich begrenzte Strohfeuer taugt oder wirklich eine Mannschaft ist, es muss sich noch zeigen. Was André Schubert nach dem Erlöschen der letzten Euphorie-Kerze noch bieten kann, wird man beobachten können. Es könnte bald egal sein, weil am Ende der Saison eine Ausdünnung der Mannschaft vorstellbar. Man hört schon die Sprechblasen der Wechselwilligen „Ich will international spielen und in einem Club, der Titel gewinnt.“ The same procedure as last year…

Gäbe es nicht die Skandale bei FIFA, UEFA und DFB, wäre José Mourinho wohl das Thema des Jahres in Sachen Fußball. Der Portugiese hat stets das von Medien und Spielern für einen Trainer vorgesehene Gatter durchbrochen und sich den Gesetzmäßigkeiten der Branche Fußball nie unterworfen. Damit reihte er nicht nur Erfolg auf Erfolg, sondern schuf sich auch treue Freunde in überschaubarer Zahl und ein Heer von Feinden. Bei den Fans des FC Chelsea genießt er trotz medialem Dauerfeuer höhere Sympathiewerte als seine schlaff agierenden Spieler. Die einen sind beim Namen Mourinho schier aus dem Häuschen, den anderen quillt der Zornesschaum aus dem Mund. José Mourinho genießt selbst die Rolle am Pranger und setzt noch einen drauf, wo man die Spitze des Berges längst vermutet. Polarisieren ist eines seiner Geschäftsprinzipien, welches ein Jahrzehnt bestens funktionierte. Nun hat er sich doch „erdreistet“, seine Mannschaft in sehr drastischen Worten zu kritisieren und deren Gesamteinstellung in Frage zu stellen. Vor allem die den Fußball umlauernden Claqueure wetzen wieder und wieder ihre einfältigen Klingen und sind berufsbedingt empört. Diese Truppen sind sich einig, man darf natürlich 24 Stunden am Tag jeden Trainer ohne Respekt behandeln und am öffentlichen Pranger durch den Schmutz ziehen, diesen im kollektiven Taumel aus dem Job jagen – so war es, so soll es gefälligst bleiben.

Noch hat Clubbesitzer Roman Abramowitsch Geduld mit José Mourinho. Die entscheidende Frage: Wie lange noch?

Noch beweist Clubbesitzer Roman Abramowitsch Geduld mit José Mourinho. Aber wie lange noch? Diese entscheidende Frage kann selbst „The Special One“ nicht beantworten.

Wie kann aber bitte ein Trainer es wagen, dieses gewohnte Spiel zu durchbrechen, den Spieß umzudrehen und sanftmütige Spielerseelen zu bedrängen? Jene, die sich für die Fußballwelt halten, sind empört. Die Zahl der Mourinho-Freunde wird jedenfalls nicht wachsen. Die deutschen Schlagzeilen „Mourinho vor dem Aus“ haben mittlerweile einen sehr langen Bart und lahmen unter ihrer Fantasielosigkeit. Man reibt sich eben gern an Trainern, darin ist man geübt, in dieser Begrenzung agiert man. Bisher tanzt Roman Abramowitsch allerdings den Klang der Außengeräusche nicht mit, verweigert die Mourinho-Kreuzigung, was durchaus erstaunlich. Sollte der FC Chelsea Besitzer, was wohl doch auszuschließen, die weitere Saison und die nächsten Jahre mit Mourinho gehen, könnte sogar eine Mannschaft sukzessive rausgeschmissen werden, um einen Club wieder in die Erfolgsspur zu bringen. Was für ein Zeichen. Es wäre ein historisches Fußballereignis und eine Art Revolution, wohl eher ein Märchen. Doch Märchen schreibt in nächster Zeit wohl weiterhin nur Leicester City.

Redaktion Magath & Fußball

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