Hommage an das königliche Spiel


Veröffentlicht am 22. Dezember 2015

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„Schachnovelle“ fasziniert bis heute ihre Leser

Kurz vor dem Wunschzettelfinale. Falls noch dringlich ein Geschenk vonnöten, ein mittlerweile in die Jahre gekommenes Buch erfreut zu jeder Weihnachtszeit Verstandesmenschen und erfüllt bis heute das Wort Gabentisch mit Lebendigkeit. Geschrieben hat es ein großer Autor deutscher Sprache. Stefan Zweig war ein Gigant der Literatur, ein großer Humanist und nebenher ein sehr mäßiger Hobby-Schachspieler. Der 1942 im brasilianischen Petrópolis – seiner letzten Exilstation – aus dem Leben geschiedene österreichische Autor, erschöpft von der andauernden Flucht vor der Nazityrannei, hinterließ der Welt die bedeutendste Verarbeitung des Themas Schach in der Kunst. Ein begeisterter Laie brachte zu Papier, was Schachgroßmeister und Koryphäen der 64 Felder so niemals in Worte kleiden könnten. Dieser Mann des Wortes konnte mit der Macht der Sprache alles einfangen, was sein geistiges Auge erfasste. Das Spiel Schach wurde ihm in seiner berühmtesten Novelle zur Basis für ein menschliches und zeitgeschichtliches Drama. Dabei gelang ihm eine lesenswerte Würdigung der rätselhaften Faszination des Schachspiels, die ihresgleichen bis heute sucht.

Gerne spielte Zweig selber auch eine Partie in aller Öffentlichkeit, bevorzugt im berühmten Wiener Café Central. Zweigs Enthusiasmus in Sachen Schach überragte sein Können um einiges. Der Freund und Journalist Emil Fuchs war dem geborenen Wiener oft Schachpartner und musste laut eigenem Bekunden allerhand Mühe und Fantasie aufbringen, um Zweig auch mal gewinnen zu lassen. Nichtsdestotrotz war es ausgerechnet jener Stefan Zweig, der im Jahr seines Todes die grandiose „Schachnovelle“ aufs Papier brachte. Noch heute finden Zweigs Meisterwerke weltweit ein dankbares Publikum. Unlängst brachte Wes Anderson, Hollywoods fantasiereichster Autor und Regisseur, den mit Weltstars gespickten, märchenhaften Streifen „Grand Budapest Hotel“ auf die Leinwand und in die Kinos. Inspiration für Drehbuch und Szenen holte sich Wes Anderson aus diversen Werken von Stefan Zweig. Auch die „Schachnovelle“ fand Einzug ins Kino. 1960 lieferte Curd Jürgens als Dr. B. – mit Filmnamen Werner von Basil – eine der besten Leistungen seiner Karriere, wenn dem Streifen auch nicht die Größe seiner Vorlage gelang. Die Kraft der „Schachnovelle“ schreit eigentlich nach einer Neuverfilmung. Die psycholgische Duellhandlung des Buches könnte dem Krawallkino heutiger Tage allerdings abgehen.

Zweigs „Schachnovelle“ ist längst in den Bildungskanon zivilisierter Völker eingegangen, wird von Deutschlehrern und Gymnasiasten wie von Wikipediaisten gleichermaßen durch die Mangel gequält. Psychische Abgründe und der Kampf zwischen Kultur und Barbarei stehen dabei oft im Vordergrund. Wer würde nicht mit Dr. B. leiden? Dessen manische Fixierung auf Brett und Spiel als Überlebensstrategie in düsterer Isolationshaft machen bis zum heutigen Tag betroffen. Interessant die Antifigur des Schachweltmeisters, der in der Novelle den Namen Mirko Czentovic trägt. Dieser steht nicht nur als Methapher für das politisch Böse in der Welt. Intuitiv erahnte Zweig offensichtlich schon den Profisportler unserer Tage und setzte mit sicherer Hand eine literarische Figur in die Welt, welche wir heute oftmals antreffen. Dieser Sportler Czentovic ist ein eindimensionales Individuum, nur auf seine Gabe fixiert. Das grandiose Talent ist ausschließlich auf den Ruhm- und Gelderwerb ausgerichtet und stellt sich dumpf und kalt gegen alle Anwürfe des Alltags und des Lebens. Bildung ist ihm nicht vonnöten, Ruhm und gieriger Erwerb überstrahlen geistige Lücken. Ein auf dem Buchmarkt vorhandenes Czentovic-Buch hat er nicht selber geschrieben, sondern einen Auftragsschreiber gedungen. Allein bekommt er kaum seinen Namen aufs Papier. Alles sehr aktuell, viele seiner Widergänger bevölkern heute die Schlagzeilen des Weltsports und tragen dabei den Titel Star vor sich her. Zweigs Welt von gestern ist längst untergegangen, sein intellektuelles Europa hat die Barbarei seiner Epoche nicht überlebt. Der Typus des Mirko Czentovic ist dagegen nicht ausgestorben und lebendiger denn je.

Auf seinen Exilpfaden begleitete Stefan Zweig angeblich ein Buch von Meisterpartien aus der Schachgeschichte, von denen er einige nachspielte. Aus der Sicht mancher Historiker und Literaturkenner eine mögliche Inititalzündung der Idee „Schachnovelle“. Über sein eigenes Schach-Können hegte Stefan Zweig keinerlei Illusionen, bezeichnete sich selbst als „mäßigen Schachspieler“. Mit seiner „Schachnovelle“ hat dieser Hobbyspieler uns neben der großartigen Geschichte einige der schönsten Sätze über das Schachspiel hinterlassen, die sich denken lassen. „Erwiesenermaßen dauerhafter in seinem Sein und Dasein als alle Bücher und Werke, das einzige Spiel, das allen Völkern und allen Zeiten zugehört und von dem niemand weiß, welcher Gott es auf die Erde gebracht, um die Langeweile zu töten, die Sinne zu schärfen, die Seele zu spannen. Wo ist bei ihm Anfang und wo das Ende? Jedes Kind kann seine ersten Regeln erlernen, jeder Stümper sich in ihm versuchen, und doch vermag es innerhalb dieses unveränderbar engen Quadrats eine besondere Spezies von Meistern zu erzeugen, unvergleichbar allen anderen, Menschen mit einer einzig dem Schach zubestimmten Begabung, spezifische Genies.“ Ein Genie auch Stefan Zweig – wenn nicht am Brett, so doch in seinem Metier. Was er hinterließ, sollte uns noch lange mit Dankbarkeit erfüllen, uns gleichermaßen Freude wie Mahnung sein. Und warum nicht mal wieder eine Partie Schach…

Redaktion Magath & Fußball

Anmerkung: Das Buch ist in vielfältigen Ausgaben – gebunden und als Taschenbuch – bei unterschiedlichen Verlagen im Buchhandel jederzeit vorhanden.

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