„Erfahrung ist ein ganz wichtiges Kriterium“


Veröffentlicht am 16. März 2018

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Anlässlich seines Besuches in der Oberpfalz traf sich Felix Magath mit Josef Maier, Fabian Leeb und Frank Werner von den Oberpfalz-Medien zum Interview. Dabei ging es nicht nur um die jüngste Entwicklung des deutschen Fußballs, sondern insbesondere auch um die prekäre Situation des Hamburger Sport-Verein in der Bundesliga. Auch die Aufstiegschancen des 1. FC Nürnberg in Liga zwei wurden diskutiert. Nachfolgend lesen Sie den kompletten Interviewtext.

Felix Magath, Ihr alter Verein, mit dem Sie die größten Erfolge feierten, macht gerade den Abflug Richtung zweite Liga. Jetzt wurde auch noch ihr langjähriger Co-Trainer Bernd Hollerbach entlassen. Wie sehen Sie das HSV-Drama?

Felix Magath: Der HSV wurde die ganzen letzten Jahre schlecht geführt. Man hat schon viele Trainer vor Bernd Hollerbach verbraucht. Ohne dass sich die Situation beim HSV dadurch verbessert hätte.

Warum blieb beim HSV die Wende aus?

FM: Nehmen Sie doch mal die Pressekonferenz, bei der Bernd Hollerbach vorgestellt wurde. Die Stimmung dort ähnelte eher einer Trauerfeier denn einem Aufbruch. Dort war außer Bernd Hollerbach niemand zu sehen, der Optimismus und Siegeswillen verbreitet hat. Wenn ich vom HSV in den letzten Wochen etwas gehört habe, ging es fast nur noch um den Abstieg. Wer immer nur von der 2. Liga redet, muss sich nicht wundern, genau dort auch zu landen.

Tut Ihnen das nicht im Herzen weh, wenn Sie sehen, wie der HSV den Bach runtergeht?

FM: Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, was aus so einem großartigen Verein gemacht wurde. Selbst Uli Hoeneß hatte einst Angst vor einem starken HSV. Diese Zeiten sind leider lange vorbei, da die Ansprüche bei den Vereinsverantwortlichen des HSV stark gesunken sind.

Wurden Sie eigentlich mal für ein Engagement beim HSV angefragt?

FM: Grundsätzlich helfe ich gern und würde für den HSV auch bereit sein, schwierige Aufgaben zu übernehmen. Da mich kein Verantwortlicher des HSV kontaktiert hat, bleibt mir derzeit nur den Daumen zu drücken, dass es der HSV doch noch schafft.

Manche meinen ja, ein Abstieg täte dem HSV gut. Man könne sich neu sortieren.

FM: Man könnte sich auch sammeln, ohne dass man absteigt. Der HSV hat es aber leider in den letzten Jahren auf allen Ebenen versäumt, die richtigen Schlüsse aus der negativen Entwicklung zu ziehen. Das Gegenteil war der Fall. Das knappe Überleben in der Liga wurde wie ein Europapokalsieg gefeiert. Alle waren zufrieden und froh. Es ging einfach weiter wie gehabt. Keiner hat das hinterfragt.

Stuttgart stand im Winter ähnlich schlecht da wie der HSV, dort hat sich alles anders entwickelt.

FM: Zu Beginn war ich etwas skeptisch, als der VfB Tayfun Korkut holte, da er bei anderen Vereinen bisher wenig Erfolg hatte. Der VfB macht momentan jedoch einen guten Eindruck und hat in den vergangenen Spielen überragende Ergebnisse erzielt.

Liegt’s wirklich nur am Trainer?

FM: Der VfB hat noch etwas gemacht: Er hat durch den Gomez-Transfer ein kraftvolles Zeichen gesetzt und dem Trainer damit zusätzliche Unterstützung gegeben. Diese beiden Entscheidungen haben den Verein nach vorne gebracht.

Sie gelten bei Spielern oft ein wenig unnahbar, Sie pflegen aber Kontakte zu alten Freunden intensiv, wie etwa zum Falkenberger Albert Üblacker oder Ludwig Denz, mit dem Sie in Saarbrücken gespielt haben.

FM: Man muss zwischen Berufs- und Privatleben unterscheiden. Im Trainerberuf vermeide ich zu große Nähe. Im Training muss ich ständig Entscheidungen treffen und konsequent sein. Wenn ich zu einem Spieler eine zu enge Beziehung aufbaue, bin ich vielleicht geneigt, diesen zu bevorzugen. Das hat aber im Profi- und Leistungssport nichts zu suchen. Da geht es um Ergebnisse und Erfolge. Im privaten Umfeld ist dies natürlich völlig anders.

Beruflich verlangen Sie Ihren Spielern immer alles ab.

FM: Wenn jemand viele Millionen erhält, muss man auch etwas als Gegenleistung verlangen dürfen. Wenn einer ehrenamtlich mithilft und sich engagiert, wie es damals zum Beispiel Albert Üblacker beim Club getan hat, ist dies etwas anderes. Ich habe große Achtung vor vielerlei ehrenamtlichem Engagement im Sport und in unserer Gesellschaft.

Per Mertesacker beklagte sich jüngst über den unmenschlichen Druck im Profifußball. Ihm sei immer wieder übel gewesen. Wie sehen Sie seine Aussagen?

FM: Jeder Spieler entscheidet sich freiwillig für den Beruf und kann jederzeit eigenverantwortlich aufhören. Natürlich weiß ich, dass Druck da ist. Den Druck gibt es in einem Fußballverein allerdings nicht nur für Fußballspieler.

Muss man da unterscheiden zwischen Profisportlern und den „normalen“ Menschen?

FM: Es wird ohnehin viel über Druck geredet. Als Trainer wurde auch ich ein paar Mal entlassen und wusste nicht, ob und wie es weitergeht. Fußballprofis haben es allerdings materiell einfacher. Ein „normaler“ Arbeitnehmer, der bescheiden verdient und kein Geld für die Altersvorsorge zurücklegen kann, hat doch einen ganz anderen Druck als jemand, der immer sehr gut verdient hat.

Für Aufmerksamkeit haben auch ihre Aussagen Richtung der jungen Trainergarde gesorgt.

FM: Erfahrung ist ein ganz wichtiges Kriterium für einen Trainer aber auch für viele andere Berufe. Am Ende zählt bei allen Trainern nur der Erfolg. Wer gewinnt, der behält Recht.

Es wird ja auch viel in der Fußballersprache überhöht, die System-Diskussionen überlagern alles. Man hat das Gefühl, der Fußball würde neu erfunden.

FM: Nehmen Sie bitte ein Beispiel. Heute wird gegen den Ball gearbeitet. Das gab’s früher auch schon, nur hieß das anders. Ich nenne Ihnen noch ein weiteres Beispiel: Als ich 1995 mit einer Dreierkette gespielt habe, hieß es, die Viererkette sei modern. Und heute höre ich wieder, die Dreierkette sei viel moderner. Was ist nun modern?

Wie oft gehen Sie ins Stadion?

FM: Natürlich verfolge ich den nationalen und internationalen Fußball, bin aber nicht jedes Wochenende im Stadion. Zuletzt war ich öfter bei Zweitligaspielen, z. B. in Nürnberg, in Regensburg, bei Union Berlin und auch in Düsseldorf. Zum 1. FC Nürnberg gehe ich öfter, weil mein ältester Sohn begeisterter Club-Anhänger ist.

Was halten Sie vom 1. FC Nürnberg?

FM: Die Mannschaft hat sich sehr stabil entwickelt. Sie hat das Geschehen meist kontrolliert. Nürnberg ist defensiv sehr gut aufgestellt. Das Spiel nach vorne könnte aber noch klarer strukturiert sein. Dennoch müsste der Club aufsteigen und in die Bundesliga zurückkehren.

Was sagen Sie zum SSV Jahn?

FM: Die Regensburger machen einen tollen Job. Sie haben beim Club nicht unverdient einen Punkt geholt. Bei diesem Spiel war ich vor Ort im Stadion. Aber Nürnberg und Ingolstadt haben derzeit eine bessere Mannschaft als Jahn Regensburg.

Sie sagen, die zweite Liga sei überschaubar. Man hat ohnehin den Eindruck, das Niveau in Deutschland wäre gesunken. Man nehme da nur die Europa-League-Auftritte.

FM: Ob ich mir Spiele live im Stadion ansehe oder über Sender verfolge: Immer öfter habe ich den Eindruck, die 90 Minuten laufen überall ähnlich ab. Es gibt viele Versuche im Ballbesitz zu bleiben, aber wenige Anstrengungen ein Tor zu erzielen. Deshalb bekommt man nicht das Gefühl, dass unser Fußball besser geworden ist.

Aber wir haben doch die vielen Nachwuchsleistungszentren.

FM: Der DFB hat 2000 angefangen, die Nachwuchsarbeit in den Vereinen maßgeblich zu bestimmen. Alle Vereine machen dabei mit. In diesen Nachwuchs-Leistungszentren ist die Ausbildung nahezu identisch.

Aber der Star ist doch die Mannschaft.

FM: Mir fehlen trotzdem die Individualisten. In vielen Nachwuchsabteilungen wird stark nach taktischen Gesichtspunkten gearbeitet. Taktik dominiert heute die Ausbildung. Die individuelle Leistung kommt dabei zu kurz. Ich halte diese Entwicklung für verkehrt.

Sind Ihnen dann auch die ganzen Systemdebatten zuwider?

FM: Ich bin seit 1974 im Fußball unterwegs. In dieser Zeit habe ich alle Entwicklungen mitgemacht und kann daher aus eigenem Erleben sagen: Es hat sich leider sehr vieles vom Sport in Richtung Showgeschäft entwickelt.

Nochmals zum ganz großen Fußball: Verteidigt die deutsche Mannschaft ihren WM-Titel in Russland?

FM: Wir gehören natürlich zu den besten Teams in der Welt. Das Halbfinale ist auf alle Fälle möglich. Was dann passiert, ist allerdings nur schwer vorauszusagen.

Zuletzt waren Sie Trainer in China: Was waren Ihre Eindrücke?

FM: Fußball spielt man auf der ganzen Welt anders. Die Spielweise ist immer abhängig von der Mentalität des Landes und seiner Menschen. Deswegen war es für mich äußerst interessant, in China zu arbeiten. Ich habe mich dort trotz der großen Unterschiede zum Fußball und zum Leben in Europa sehr wohlgefühlt.

Mit Horst Hrubesch haben Sie die großen HSV-Zeiten erlebt. Er übernimmt jetzt interimsweise die Frauennationalmannschaft.

FM: (schmunzelt) Da habe ich mich schon gefragt: Warum nicht ich? Nein, im Ernst, eine Frauenmannschaft zu trainieren, darüber habe ich bisher noch nicht nachgedacht. Meinem ehemaligen Mitspieler wünsche ich für diese Aufgabe Erfolg.