Großmeister in Berlin


Veröffentlicht am 25. März 2018

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Kandidatenfinale zur Schach WM bietet ein Kühlhaus, Ausgeglichenheit und Spannung pur

Bei Turnierende flattern im Schachsport die Großmeister schneller auseinander als Blätter von den Bäumen fallen, um sich in neue Schlachten zu stürzen. Deshalb an dieser Stelle ein Zwischenfazit des Kandidatenturniers, wo im achtköpfigen Teilnehmerfeld noch sechs Spieler die Chance haben, sich in den letzten beiden Runden zum Herausforderer des Weltmeisters Magnus Carlsen zu küren. Das Feld ist ausgeglichen, ein Überflieger hat sich nicht herauskristallisiert. Vor die Partien hat auch die Schachgöttin einen Veranstaltungsort nebst Organisation gesetzt. Beide verdienten sich im Turnierverlauf Aufmerksamkeit und Anerkennung.

In der 10. Runde machte der Fußball dem Schach seine Aufwartung. Felix Magath eröffnete mit dem weißen Bauern von Shakhriyar Mamedyarov den Spieltag. Auf der schwarzen Seite des Tisches: der zu diesem Zeitpunkt führende Spitzenreiter Fabiano Caruana. Auf Mamedyarov/Magath d4 folgten 58 Züge, an deren Ende nur noch die Könige auf dem Brett standen. Remis. Den Tag im „Kühlhaus“ hat der prominente Fußballtrainer vor allem zur Popularisierung des Schachsports nutzen wollen und sich dafür gerne in den Dienst des königlichen Spiels gestellt. Aus diesem Grund folgte er vielen Interviewwünschen und Fotoanfragen. Dennoch hatte er ausreichend Zeit mitgebracht, um den Stil des außergewöhnlichen Veranstaltungsortes auf sich wirken zu lassen. Das entkernte Gebäude eines ehemaligen Kühlhauses zeugt von einer anderen Zeit, steht heute als Objekt der Gegenwart in der Berliner Stadtlandschaft und ist dabei auf die Zukunft ausgerichtet. Eventformate aller Arten gaben sich bisher die Klinke in die Hand, nun also ein Schachwettkampf der Weltelite. Felix Magath sah sich genau um: „Mir gefällt die Atmosphäre hier sehr gut. Wenn sich die Zuschauer ruhig verhalten – denn sie sind ja sehr nah dran – dann ist das ein schöner Ort, um Schach zu spielen.“

Die das Turnier betreuende Organisation war von der Garderobe, über die Publikumsetagen, bis zu den VIP-Räumen sehr vorbildlich und effizient, dabei stets umsichtig und freundlich. Im Herzen des Ortes die Spielfläche mit den vier Brettern für alle hervorragend einsehbar und umsichtig von den Veranstaltern gehütet. Felix Magath zeigte sich von der Organisation wie von seiner Betreuung absolut angetan und brachte es auf den Punkt: „Hier sind Profis am Werk. Dieses Kühlhaus ist etwas Besonderes und gibt einem außergewöhnlichen Turnier einen außergewöhnlichen Rahmen.“ Ein besonderer Dank von Felix Magath ging an Oliver Hrnecek und Nico Hasenclever von der mc Group für deren persönlichen Einsatz in Sachen Vorbereitung und Gestaltung seines Termins.

Wladimir Kramnik (links) und Lewon Aronian (rechts) beim Pressegespräch nach ihrer Partie der zehnten Runde.

Die Schachgrößen lieferten ein sehr buntes Leistungspanorama. Lewon Aronian, stets genialistisch wie schusselig, konnte wieder einmal nicht triumphieren, selbst beste Siegstellungen verwandelte er nicht in den vollen Punkt. Wie Wesley So ist er vor dem Finale bereits chancenlos. Eine Minimalchance hat noch der Senior des Turniers, Ex-Weltmeister Wladimir Kramnik. Viele sehen in Kramnik den einzigen Spieler, der für Weltmeister Magnus Carlsen in einem Duell gefährlich werden könnte, allein die Leistungen Kramniks waren bisher zu durchwachsen. Beherrschte er den Turnierstart, baute er später ab. In die Schachgeschichte wird sein Schwarz-Sieg gegen Aronian eingehen. Sein grandioses Angriffsfurioso war der bisherige Höhepunkt des Turniers. Geheimfavorit Shakhriyar Mamedyarov liegt mit Alexander Grischuk einen halben Punkt hinter dem Spitzenduo, beide haben noch Siegchancen der besten Art. Punktgleich an ihrer Seite liegt der bisher einzig unbesiegte Spieler des Wettkampfs, der Chinese Ding Liren. Mit erstaunlichen elf Remis und einem Sieg sorgte er für Aufmerksamkeit. Jetzt trauen ihm viele Beobachter sogar den ganz großen Wurf zu. Den streben natürlich auch die beiden Spitzenreiter an. Lange war der Favorit Fabiano Caruana der Führende des Turniers, in der zwölften Runde musste er sich allerdings einem furiosen Sergei Karjakin beugen und sich den Tabellenplatz an der Sonne mit diesem teilen. Wird Caruana an guten Tagen oft mit Weltmeister Carlsen gleichgesetzt, hatten viele Turnierkommentatoren den letzten Herausforderer nicht auf ihrem Siegerschirm. Karjakin hatte im letzten WM-Finale den Weltmeister fast in den Wahnsinn getrieben und die Fans ermüdet. Seinem betonhaften Defensivstil konnte Carlsen lange Zeit wenig entgegensetzen. Erst zum Ende bröckelte die Festung Karjakin. In Berlin zeigt sich Karjakin als zupackender Großmeister im Angriffsspiel, der eine Chance zu nutzen weiß, wenn die Stellung sie hergibt. Gut möglich, dass diese Eigenschaft und das sehr entspannte Nervenkostüm des Russen ihn im Herbst erneut auf Magnus Carlsen treffen lassen. Noch zwei Runden und wir wissen es genau.

Für den Chinesen Ding Liren schlägt übrigens das Herz von Felix Magath. Der Mann aus der Stadt Wenzhou ist unter den Turnierteilnehmern der einzige Fußballfan. Sein Fußballfeuer soll sich angeblich besonders bei Juventus Turin entfachen. Ein Club, bei dem ein leichtes Lächeln den Blick von Felix Magath weitet. Beim Abschied war Felix Magath noch eine Botschaft sehr wichtig: „Aus meiner Sicht ist Schach ein Spiel, das unbedingt Einzug in unsere Schulen halten sollte. Ich glaube, die Kinder lernen durch Schach wesentlich mehr als durch das Auswendiglernen von Jahreszahlen.“

Die Berliner und alle schachbegeisterten Gäste der Hauptstadt sollten nun noch die spannenden Schlussrunden besuchen. Spannende Kämpfe und eine aufgeladene Wettkampfsituation werden im Kühlhaus für heiße Fights sorgen. Ob jemals wieder ein Turnier an solch einem bizarren und faszinierenden Ort stattfinden wird, steht in den Sternen. Daher sollte man diese Chance nutzen und die Einmaligkeit der Turnierform auf sich wirken lassen. Am Montag und Dienstag geht es weiter, jeweils um 15 Uhr starten die Partien der 13. und 14. Runde. Es lohnt!

Kandidatenturnier: Kühlhaus Berlin, Luckenwalder Str. 3, 10963 Berlin

Redaktion Magath & Fußball