And the winner is Fabiano Caruana


Veröffentlicht am 27. März 2018

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Kandidatenturnier Berlin 2018 ist Schach-Geschichte

Schachphilosophie am Veranstaltungsort Kühlhaus Berlin.

„Das Einzige was zwischen mir und wahrer Größe steht, bin ich selbst“. So meinte einst Woody Allen. Manch ein Großmeister aus dem achtköpfigen Teilnehmerfeld der Berliner Kandidatentage wird sich mit Blick auf die eigene Leistung in dieser Selbstbespiegelung des New Yorker Meisterregisseurs wiederfinden. Auf den Armenier Lewon Aronjan und den Russen Wladimir Kramnik scheint es jedenfalls zuzutreffen. Wobei dieser Satz bei Kramnik nur Anwendung auf das eben beendete Kandidatenfinale findet. Bei Aronjan bezeichnet er die bisherige Schachkarriere. Kramnik  war schon Weltmeister und hat dafür den großen Kasparow vom Thron stoßen müssen. Seinen Platz in der Schachgeschichte ist ihm längst sicher. Verdient hat ihn der Mann vom Schwarzen Meer allemal. Bis heute spielt er auf einem fantastischen Niveau und kann an guten Tagen noch jeden schlagen. Allerdings kann er an schlechten Tagen auch bis weit in die Pressekonferenz ein verlorenes Spiel in eine eigentlich gewonnene Partie uminterpretieren. Seine 3 Siege in diesem Turnier waren so spektakulär wie seine vier Niederlagen fatal. Langweilig ging es bei Kramnik selten zu. Umkreiste man an den Spieltagen die vier Turniertische, wirkte Kramnik ein wenig wie der Lehrer beim Ausflug mit seinem Jugendteam. Ernsthaftigkeit umflorte seine Stirn. Die Leichtigkeit des Seins gehört nicht zu Kramniks Standardrepertoire. Sein Schwarzsieg über Aronjan in Runde 3 bleibt der schachliche Fixstern dieser Turniertage. Am Ende Platz 6 für Kramnik.

Aronjan bleibt weiter unvollendet und mit dem eigenen Genie ringend als Besiegter auf der Turnierstatt zurück. Einst zog er aus ein neuer Tigran Petrosjan zu werden, Armeniens bisher einziger Schachweltmeister, der darum in seiner Heimat zum Volkshelden wurde. Über ein halbes Jahrhundert ist es her. Die Armenier werden weiter warten müssen. Am Ende Schlusslicht und Platz 8 für Aronjan. In der letzten Runde verabschiedete sich Aronjan mit einem belanglosen Remis nach bereits 17. Zügen gegen Wesley So aus dem Kandidatenturnier. Der für den US Verband antretende Philippiner So, der das gesamte Turnier mit einem freundlichen Lächeln bestritt, konnte in Berlin nur einmal siegen und keine Spur hinterlassen. Dieser einzige Sieg bezeichnenderweise gegen Aronjan beim ersten Aufeinandertreffen in der 6. Runde. Am Ende Platz 7 für So.

Alexander Grischuk reckte schon während der Eröffnungsveranstaltung die Faust in den Himmel und sendete eine Kampfansage an die Gegner. Der Russe wirkte robust wie selbstbewusst. Er wanderte oft um und über die Turnierbühne, nervte damit seine Konkurrenz und ging dann entspannt zum Rauchen vor die Tür. Spektakulär seine Rettung in Runde 5 gegen Aronjan. Mehrmals hatte er die Partie bereits verloren, schnitt sich immer wieder vom Strick und konnte ins Remis flüchten. Eine der denkwürdigsten Partien des Turniers. In den Endkampf um den Turniersieg konnte Grischuk nicht mehr eingreifen. Am Ende Platz 5 für den Moskowiter. In der 11. Runde lieferte sich Grischuk mit dem Chinesen Ding die wohl spektakulärste Partie des Turniers. Ein echter Wettkampfknaller, eine Material- und Nervenschlacht über 96. Züge, in höchster Zeitnot ausgefochten. Ein Remis blieb vom Kampfgetümmel über. Ding hatte den Sieg mehrmals liegen gelassen, wieder konnte sich der Überlebenskünstler Grischuk retten. Der fragil erscheinende Chinese Ding Liren, ein schmächtiger 25-Jähriger aus der Provinz Zhejiang konnte ebenfalls durch seine Kunst der Verteidigung glänzen. Ihn zu besiegen war keinem der anderen Großmeister möglich, eine außerordentliche Turnierleistung. Ungeschlagen wurde er außerdem der Unentschieden-König des Turniers, remisierte 13 Partien. Mit dem Chinesen ist in Zukunft zu rechnen. Am Ende Platz 4 für Ding Liren.

Beim letzten Titelkampf sekundierte der aserbaidschanische Großmeister Shahkriyar Mamedyarow noch dem Herausforderer Karjakin gegen den norwegischen Weltmeister. Nach Berlin kam Mamedyarow nun als Zweiter der aktuellen Weltrangliste. Ein legitimer Herausforderer von Magnus Carlsen und Mitfavorit des Kandidatenturniers. Bis in die Schlussrunde konnte das unerschütterliche Kraftpaket aus Sumqayıt dieser Rolle gerecht werden. Es sollte dennoch nicht gelingen. Seine Niederlage mit den weißen Steinen gegen den Chinesen Ding in der 12. Runde kostete ihn womöglich den Turniersieg. Gegen seine Mitbewerber um die Herausfordererkrone Caruana und Karjakin konnte er dagegen 2,5 Punkte aus vier Partien holen. Mamedyarow ist in ausgezeichneter Form und wird in nächster Zeit weiter das Geschehen im Weltschach mitgestalten. Am Ende Platz 2 für Mamedyarow.

Der für Russland spielende Sergey Karjakin lebt sehr gut von der Unterschätzung der Schachwelt. Den Sieg beim Kandidatenturnier in Moskau 2016 traute ihm niemand zu. Karjakin düpierte dort die Favoriten Viswanathan Anand und Fabiano Caruana, zog verdient in den Kampf gegen Weltmeister Carlsen. Für dieses Duell galt er als chancenlos. Dabei zwang er den Weltmeister an den Rand des Wahnsinns und konnte mit seiner ruhigen Art und einer stoischen Spielweise nebst außerordentlichen Defensivkünsten viele Schachfreunde für sich einnehmen. Im regulären Wettkampf trotze er dem Titelträger ein Remis ab und verlor erst im Tie-Break. Nach Berlin kam Karjakin nur, weil er der letzte Herausforderer war, darin liegt sein Startrecht. Zum Favoriten machte ihn niemand. Eine Auftaktniederlage mit den weißen Figuren gegen Mamedyarow bestätigte die Kritiker, welche Karjakin nicht auf dem Zettel hatten. Dieser behielt seine Entspanntheit und musste dennoch in Runde 4 gegen Aronjan wieder die Segel streichen, erneut unterlag er mit Weiß. Dann wurde er deutlich aktiver und ging aggressiver ans Brett. Beim Sieg in der 9. Runde gegen Kramnik zeigte er die Qualitäten aus dem Carlsen Duell. Kramnik kapitulierte vor den Verteidigungskünsten seines Gegners und boykottierte vor Zorn sogar die Pressekonferenz, bekam in dieser Partie den negativen Knacks für den Rest des Turniers. Karjakin war von diesem Moment an wieder da. In Runde 12 legte er mit einem Sieg gegen Caruana beeindruckend nach und hatte wieder alle Trümpfe in der Hand. Die beiden Weißniederlagen aus der Startphase wogen am Ende dann doch zu schwer, brachten ihn wohl letztendlich um das Wiedersehen mit Magnus Carlsen. In der Schlussrunde konnte auch er den Chinesen nicht besiegen, damit zerschellte seine letzte Hoffnung. Am Ende Platz 3 für Karjakin.

Links: Fabiano Caruana, Herausforderer des Weltmeisters. Rechts: Shakhriyar Mamedyarov.

Glückwunsch an Fabiano Caruana zum Sieg im Kandidatenturnier. Seit Fabiano Caruana 2014 beim bestbesetzten Turnier der Schachgeschichte 7 Siege am Stück gegen die versammelte Weltelite feierte, raunte man in der Schachwelt von der Carlsen Nachfolge und vom kommenden Weltmeister. Ein sehr kompletter Spieler mit großartigen Anlagen eroberte sich die Aufmerksamkeit der Schachwelt. Unter der Last dieses Raunens scheiterte Caruanas erster Anlauf, er musste vor zwei Jahren Karjakin den Vortritt lassen. In Berlin sollte nun endlich alles anders werden. Caruana spielte konstant und unaufgeregt, etablierte sich bald in der Führungsgruppe und dann an der Spitze. Nur die Niederlage gegen Karjakin war ein Fleck auf seiner tadellosen Spielweste. Am Brett wirkte Caruana ausgeglichen und hochkonzentriert, den Erwartungshaltungen stets gewachsen ohne ein Anzeichen von Aufgeregtheit. Der Italo-Amerikaner präsentierte sich über weite Strecken wie ein Champion. Sein finaler Sieg mit Schwarz gegen Grischuk brachte seine Stärken nochmals eindrucksvoll zum Vorschein. Caruana setzte nicht auf Schützenhilfe an anderen Brettern, er erspielte seinen Triumph in Eigenleistung. Gegen Magnus Carlsen erwartet den 25-Jährigen die Herausforderung seines bisherigen Schachlebens. 5 Siege, 8 Remis, 1 Niederlage im Kandidtenturnier sind eine beeindruckende Bilanz. Weltmeister Carlsen wird genau hinschauen und feststellen, alle Caruana Siege wurden ausschließlich gegen Spieler geholt, die am Ende zwischen Platz 5 und 8 die Tabelle zierten. Die drei unmittelbar hinter Caruana eingelaufenen Spieler der Plätze 2 bis 4 konnten von diesem nicht besiegt werden. Keine Mäkelei am Sieger, dennoch zu beachten. Caruana scheint jedenfalls gewappnet für den Titelkampf. Der Weltmeister wird es auch sein. Das Drama steigt in London vom 9. bis zum 28 November 2018 über 12 Partien. Vorfreude ist angebracht.

Redaktion Magath & Fußball