Großer Kampf und allerhand Theater


Veröffentlicht am 29. November 2018

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Der Norweger Magnus Carlsen bleibt Schachweltmeister

Siegerinterview für die Heimat. Im Windschatten der Herausforderer.

Zuerst die Norweger. Was für ein schachbegeistertes Volk! In einem Land mit fünf Millionen Einwohnern fieberten eine Million Menschen vor Bildschirmen und Livetickern, Schachseiten und Nachrichtenportalen, um ihrem Magnus zur Seite zu stehen, ihn siegen zu sehen. Das norwegische TV brachte auf dem Hauptkanal stundenlange Übertragungen aus dem Studio, Publikum und Talkrunden inklusive, sowie regelmäßige Schalten nach London auf die Beine und faszinierte damit nicht nur Norweger. Welch ein TV-Format! Sternstunden des Schachsports. Sollte es dem 14-jährigen deutschen Ausnahmetalent Vincent Keymer gelingen einmal die Weltspitze zu erreichen und um den Titel zu spielen, werden dann umgerechnet 16 Millionen Deutsche mit einem Schachspieler fiebern?

Schachfieber in Norwegen. Sondersendung im TV.

Zurück zu den Norwegern und Magnus Carlsen. Die Erwartung in der Heimat fast erdrückend und doch nicht erschlagend, gelang es dem Weltmeister seinen Titel zu verteidigen. Nach einem 6:6 im regulären Wettkampf siegte Carlsen in den ersten drei Schnellschachpartien und blieb damit Champion. Sein Spiel in diesen Partien wirkte phänomenal. Die Blitzpartien und die viel zitierte „Armageddon-Partie“ waren daher nicht mehr nötig. Die Begeisterung in Norwegen führte umgehend dazu, dass sich die Stadt Stavanger um den WM-Kampf 2020 bemühen will. Die Heimat Norwegen ist für Carlsen, ähnlich seiner Familie, feste Burg und Halt gleichermaßen. Den hatte Carlsen auch dringend nötig. Selten ist wohl an einem Schachweltmeister, der immerhin in die Dimension Fischer und Kasparov vorgedrungen, diese in vielem längst überflügelt hat, im Vorfeld und im Wettbewerb so kleingeistig rumkritisiert worden, ein latenter Abgesang geläutet und sein naher Untergang prophezeit worden. Besonders auffällig, alles Positive an Qualität und Spannungsgehalt des Wettbewerbs und der Remisserie wurde Fabiano Caruana zugeschrieben, alles Negative dem Weltmeister. Der Erfolgreiche hat eben stets seine Neider! Diese in die Leere gelaufenen Schlagzeilen und Kampagnen sollen uns hier nicht weiter beschäftigen.

Es gab auch erfreuliche Seiten. Kompetent und erfrischend verständlich, dabei so aktuell als säße er unter dem Brett der Duellanten, immer fair und objektiv, berichtete der Internationale Meister Georgios Souleidis auf SPIEGEL ONLINE wahrlich meisterlich von den Partien. Sein Liveticker, ein Solitär der WM-Tage. Ein großes Kompliment muss außerdem an die ChessBase Macher um Chefredakteur André Schulz gehen. Bei ChessBase zeigte sich das Universum Schach gewohnt von der besten Seite. Der Wettkampf und seine Protagonisten wurden in großer Sachlichkeit unter das Publikum gebracht, alles ohne Häme oder Verklärung. Der Schachfreund fühlte sich bestens aufgehoben und versorgt. Das Gespann André Schulz und Großmeister Vlastimil Hort hätten sich für die Livekommentierung der 6. Partie den Grimme-Preis verdient.

Ein Highlight der besonderen Art lieferte die Ex-Weltmeisterin Susan Polgár, die über Twitter das Geschehen in offizieller Mission live kommentierte, vor Ort sehr nah am Duell war. Sie lieferte Schachentertainment auf hohem Niveau. Ein gewisser Verdruss gegen Magnus Carlsen war ihr dennoch anzumerken, um dann sofort ihre Neutralität zu betonen. Während der Partien überflügelte die Anzahl ihrer Meinungsänderungen noch die Masse ihrer Tweets. Und wehe, sie irrte, was ziemlich oft passierte, dann lief sie zu großer Form auf. In der 1. Tie-Break Partie war dies in voller Blüte zu erleben. Da verdammte sie Carlsen, nicht den richtigen Weg gefunden, Nerven zu zeigen, gar die Fähigkeit zum tiefen Denken verloren zu haben. Als Carlsen dann glanzvoll gewann verbrauchte sie einige Tweets, dabei fast die zweite Partie aus den Augen verlierend, um sich zu rechtfertigen, natürlich Recht zu behalten, diesmal alles auf Caruana zu schieben. Das Leiden der Susan Polgár, die Kerle am Brett hören doch einfach nicht auf meine Genialität, durchzog den Wettbewerb bis an Ende auf eine sehr unterhaltende Art. Nachdem auch Polgár Carlsen überschwänglich feierte, verfiel sie in den Rückbetrachtungen doch wieder in eine Art Hassliebe für den Weltmeister und vor allem seine Strategie und Spielweise. Dabei brach dennoch immer wieder Lob durch. Carlsen, so ist anzunehmen, wird beides verkraften. Susan Polgár machte jedenfalls einem Hollywood-Drehbuch alle Ehre. Vielleicht bot sie nicht immer Schach aber dafür stets große Unterhaltung und ein Format, welches künftig bei großen Schachzweikämpfen nie mehr fehlen sollte. Alles in allem eine große Medienleistung der Ungarin und gute Werbung für Twitter. An ihren Einschätzungsschwankungen und der Auswahl der dann doch zu vielen GIFs kann sie ja bis zum nächsten Wettkampf noch etwas feilen.

Denker bei der Arbeit.

Schach wurde auch gespielt. Einige Partien hatten eine sehr hohe Qualität und lohnen das Nachspielen. Der Wettkampf verlief spannend und interessant. Die Nörgelei an der Remiskette mag dem Publikum und Laien durchaus zustehen. Profis schauen anders hin. Wie sagte Großmeister Robert Hübner auf ChessBase: „Man hörte Stimmen, die forderten, dass die Spieler „mehr riskieren“ müssten. Es ist jedoch nicht das Ziel der Teilnehmer an der Weltmeisterschaft, die Zuschauer möglichst wirksam zu unterhalten; sie sind damit befasst, das bestmögliche Resultat zu erzielen. Es scheint mir ein seltsamer Widerspruch darin zu bestehen, dass man einerseits Forderungen an die inhaltliche Gestaltung der Partien stellt – sie sollen „spannend“ sein – andrerseits dem Wettkampfelement höchste Bedeutung beimisst. Wenn das Ergebnis das Wichtigste ist, muss man es den Spielern überlassen, wie sie ihr Ziel anzustreben gedenken; sie werden dies am besten wissen.“ Recht hat der einstige Weltklassespieler. Remis ist wahrlich nicht gleich Remis. Um eine Parallele zum Fußball zu gebrauchen, besonders die 1., 6. und 10. Partie glichen doch eher einem feurigen 4:4 als einem müden 0:0 oder drögen 1:0 und waren echte Highlights.

Fabiano Caruana war perfekt vorbereitet, seinem Spitznamen Computer wurde er durch eine analytische Spielweise und einem ruhigen und völlig beherrschten Auftreten gerecht. Er schien in der Form seines Lebens zu sein, wurde von seinen Sekundanten in Sachen Eröffnung bestens gebrieft und machte den Eindruck im Kopf von Carlsen lesen zu können. Niemand aus der Weltspitze, auch nicht der ständig durch Kritik auffallende Großmeister Alexander Grischuk, hätte Caruana das Wasser reichen oder diesen in einem Wettkampf gar schlagen können. Dazu bedurfte es des Weltmeisters und einer Verlängerung. Im Tie-Break ging Caruana dann förmlich unter, gestand dieses selber auf der Pressekonferenz ein: „Ich hatte heute nicht wirklich eine Chance.“ Dennoch, Fabiano Caruana bleibt ein heißer Anwärter auf die Nachfolge von Magnus Carlsen, wann immer diese jemals ansteht. Wie es einst in Sachen Kampf um die WM Krone ein Wiedersehen zwischen Botwinnik-Smyslow, Spassky-Petrosjan, Karpow-Kortschnoj, Kasparov-Karpow und Anand-Carlsen gab, ist das Duell Carlsen-Caruana auch 2020 durchaus vorstellbar.

Derweil der Weltmeister sich aktuell nicht mit Herausforderern plagen muss, sondern seinen Titel zwei weitere Jahre tragen darf. Seine Kritiker unterstellen ihm, er hätte keine reguläre Partie gewonnen. Keine Partie verloren zu haben erwähnen sie nur im Kleingedruckten. Warum er im Wettbewerb so eisern an der Sweschnikow-Variante der Sizilianischen Verteidigung festhielt, mit der schon sein Weltmeisterkollege Emanuel Lasker 1910 einen WM-Kampf  bestritt, obwohl Caruana auf diese bestens eingestellt war, wird er der breiten Öffentlichkeit sicher nicht offenbaren. Es ist seine Angelegenheit. Sein Wettkampfplan ging offensichtlich punktgenau auf. Das mediale Gekreische sogenannter Experten, die stets mit dem Schachcomputer im Kopf und Tornister hantieren, um und über seine Person, konnte Carlsen gut ausblenden, es wird ihn nicht sonderlich tangieren. Darin liegt auch eine große Stärk der Persönlichkeit Magnus Carlsen. Vielleicht nicht immer und nicht an jedem Ort oder zu jeder Zeit, aber wenn es darauf ankommt, dann sollte man mit diesem famosen Weltmeister weiter stark rechnen.

Entscheidung. Caruana gibt die dritte Schnellschachpartie auf. Carlsen bleibt Weltmeister.

Nach dem Tie-Break wirkte der alte und neue Weltmeister jedenfalls erleichtert und freudig gelassen, ertrug schmunzelnd einen Konfettiregen und flocht in die kontrollierte Siegesfreude ein dickes Lob an den unterlegenen Kontrahenten: „Fabiano war mein bisher schwierigster Gegner und hat wie ich das Recht, sich als stärkster Spieler im klassischen Schach zu bezeichnen.“ Seinen Sieg kommentierte er eher lakonisch und humoroll: „Ich hatte heute einen ziemlich guten Tag auf der Arbeit.“ Das vorletzte Wort soll deshalb an einen alten Schachkönig gehen, der es auf den Punkt brachte. Garry Kasparov analysierte: „Carlsens konstantes Spielniveau im Schnellschach ist phänomenal. Wir spielen dabei alle schlechter, da wir immer schneller spielen, aber sein Verhältnis ist möglicherweise das kleinste, vielleicht nur 15% Verlust. Ein riesiger Vorteil in diesem Format.“

Das letzte Wort in Sachen WM gebührt der schillernden Susan Polgár: „Solange Schnellschach und Blitz Play-off noch existieren, muss jemand Carlsen im klassischen Schach besiegen, da er in diesem verkürzten Format eine absolute Bestie ist! In seinem Leben hat er noch niemals ein WM-Play-off verloren. Ob Sie Carlsen mögen oder nicht mögen oder denken, er hätte es verdient zu gewinnen oder nicht, es spielt keine Rolle. Er hat nach den FIDE-Regeln gewonnen, absolut fair. Magnus Carlsen ist immer noch der König des Schachs!“

Redaktion Magath & Fußball