Laufen, um Leben zu retten


Veröffentlicht am 20. Februar 2020

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9. Takeda Organspendelauf am Mittwoch, 22. April 2020 in Berlin. Ein Gespräch mit Prof. Dr. med. Matthias Anthuber.

Der Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie am Universitätsklinikum Augsburg ist Chirurg mit Leib und Seele und zudem Leiter des Transplantationszentrums. Einen Schwerpunkt seiner Arbeit bilden Nierentransplantationen, mit denen sich Prof. Anthuber schon seit mehr als 30 Jahren beschäftigt. Über seinen Berufsalltag hinaus engagiert sich Prof. Anthuber für die Organspende und gehört seit Jahren zu den Machern und Organisatoren des Organspendelaufs, um mit dieser Aktion die Menschen mit dem Thema Organspende vertraut zu machen, deren Bereitschaft zur Organspende zu befördern. Die neunte Auflage startet am Mittwoch, 22. April 2020 in Berlin. Der Sport gehörte immer zum Leben von Prof. Anthuber. Als Handballspieler war er in der Bundesliga und der Handballnationalmannschaft aktiv. Aktuell gewährte er Magath & Fußball ein Interview, das unseren Leserinnen und Lesern Aufklärung zum Thema Organspende liefert.

Prof. Anthuber, wie sieht zu Beginn des Jahres 2020 die Situation Organspende in Deutschland aus und wie stehen wir damit im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn? Sind Sie mit der Situation zufrieden?

Prof. Dr. med. Matthias Anthuber: Die Situation der Organspende Anfang 2020 sieht unverändert düster aus, und ich bin alles andere als zufrieden. Mit ca. zehn Organspendern pro einer Million Einwohner befindet sich Deutschland im europäischen Vergleich unter den Letzten. Leider hat sich ja der Bundestag Mitte Januar nach einer sehr emotional geführten Debatte mehrheitlich gegen die Einführung der Widerspruchslösung ausgesprochen, einer gesetzlichen Lösung, die in vielen Nachbarländern etabliert und mit deutlich höheren Organspendezahlen verbunden ist. Aber die in der Öffentlichkeit zuletzt intensiv geführte Diskussion hat ganz offensichtlich eines erreicht: dass sich viele Menschen mit der Frage der Organspende auseinandergesetzt haben und eine deutlich gestiegene Nachfrage nach Spenderausweisen zu verzeichnen ist. Jetzt bleibt zu hoffen, dass sich dies auch mittel- und langfristig in höheren Spenderzahlen niederschlägt.

Wie viele Menschen warten augenblicklich in Deutschland auf ein Spenderorgan? Was sind die konkreten Folgen für Patienten, die auf ein Spenderorgan angewiesen sind, wenn die Organe nicht verfügbar sind? Die Medizin kann sicher keine Wunder vollbringen.

Derzeit warten in Deutschland etwa 10.000 Patienten auf ein Spenderorgan. Die meisten davon warten auf eine Niere. Diese Patienten können jedoch durch die Möglichkeit der Dialyse über Jahre am Leben gehalten werden. Dies ist nur bedingt der Fall für Patienten, die ein neues Herz benötigen. Zwar kann man auch in diesen Fällen durch die Implantation eines Kunstherzens eine lebensrettende Überbrückung über Monate bis zu wenigen Jahren anbieten, aber das ist keine Dauerlösung. Am schlechtesten sind die Patienten dran, die eine neue Leber brauchen, weil wir kein lebenserhaltendes Organersatzverfahren zur Verfügung haben. Alle Ersatzverfahren sind mit einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität verbunden. Seit Jahren versterben jeden Tag drei Patienten auf der Warteliste, und ich befürchte, dass dies auch über die nächsten Jahre so bleiben wird. Wir würden uns manchmal Wunder wünschen, aber trotz intensiver Forschungsbemühungen können wir noch nicht auf tierische Organe (Xenotransplantation) oder auf Spenderorgane, die aus Stammzellen im Reagenzglas hergestellt wurden, zurückgreifen. Aber Forschung und Wissenschaft bleiben intensiv an diesen Alternativen dran, um dadurch dem Engpass an verfügbaren Spenderorganen zu begegnen.

Felix Magath trägt eine dünne, blaue Jacke und lächelt in die Kamera im Vorfeld des 8. Takeda Organspendelaufs 2019 in München.

Felix Magath: „Den Organspendelauf persönlich zu unterstützen, ist mir ein sehr wichtiges und notwendiges Anliegen.“ (Foto: Stephan Reichl, http://organspendelauf2019.livestory.jetzt/bildergalerie/)

„Das Informationsdefizit beim Thema Organspende muss aufgelöst werden“

Wünschen Sie sich als Mediziner beim Thema Organspende andere Rahmenbedingungen und Regelungen in Deutschland? Wie sieht für Sie als Arzt die optimale Lösung aus? Gibt es diese Lösung überhaupt?

Ich bin ein glühender Verfechter der kürzlich vom Bundestag abgelehnten Widerspruchslösung, weil erst kürzlich wissenschaftliche Untersuchungen wieder gezeigt haben, dass unter diesen gesetzlichen Rahmenbedingungen die Spenderzahlen höher sind. Ich glaube auch, dass es jedem zugemutet werden kann, sich mit der Frage der Organspende zu beschäftigen und eine Entscheidung zu treffen. Jede Entscheidung ist gut – egal, wie sie ausfällt! Vielleicht wäre die optimale Lösung eine Regelung, wie sie in Israel und Singapur praktiziert wird: nur wer sich im Zustand vollkommener Gesundheit zur Organspende bereit erklärt hat, kann später im Falle einer eigenen schweren Erkrankung ein Spenderorgan erhalten. Eine Lösung, die keinen Interpretationsspielraum bezüglich der Grundlage für Organspende erlaubt: Solidarität für den lebensbedrohenden Kranken auf altruistischer Grundlage!

Als Mediziner kennen Sie sicher auch Ängste und Vorbehalte vieler Bürger zum Thema Organspende. Worin liegen diese Ängste begründet?

Die größte Angst der Menschen ist, dass ihnen im Falle einer lebensbedrohlichen Erkrankung oder Verletzung lebensrettende Maßnahmen vorenthalten werden, um über diesen Weg Spenderorgane zu gewinnen. Eine abstruse Vorstellung, die mit dem ärztlichen Ethos und unserer Verpflichtung zur Hilfe nicht vereinbar ist. Auch werden immer wieder von Laien finanzielle Motive auf Seiten der Transplantationsmediziner vermutet. Aber auch diesem Verdacht muss man energisch entgegentreten. Ich sehe das Hauptproblem darin, dass die Bevölkerung viel zu wenig über den Hirntod und die Vorgänge im Zusammenhang mit der Organspende weiß. So gibt es keine direkte Verbindung zwischen den Ärzten, die den Hirntod feststellen, und den Ärzten, die schließlich in einem anderen Krankenhaus in Europa die Transplantation vornehmen. Die Organverteilung erfolgt objektiv von dritter Seite – bei uns durch die Stiftung Eurotransplant in Leiden (Holland) – nach strengen Regeln und kann durch den Versicherungsstatus des Patienten oder gar direkte Geldzuwendungen nicht beeinflusst werden.

Sportmoderator Jörg Wontorra beobachtet den Zieleinlauf einer in rosa gekleideten Laufgruppe beim 8. Takeda Organspendelauf 2019 in München.

Sportmoderator Jörg Wontorra (rechts) sorgte bereits 2019 in München für gute Stimmung bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern und ist auch 2020 in Berlin wieder mit von der Partie. (Foto: Stephan Reichl, http://organspendelauf2019.livestory.jetzt/bildergalerie/)

Mangelt es uns im Land an Aufklärung zum Thema Organspende? Was kann man konkret tun, um die Thematik mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen? Welche Art von Aufklärung ist nötig, um damit eine breitere Spendenbereitschaft zu befördern?

Seit ich selbst in der Transplantationschirurgie tätig bin, habe ich den Eindruck, dass es an umfassender und für den Laien verständlicher Aufklärung mangelt. Ich würde mir eine intensive und nachhaltige staatliche Initiative wünschen, die endlich dieses Informationsdefizit wirksam auflöst. Dazu muss gehören, in den neunten und zehnten Jahrgangsstufen der Schulen die Organspende obligatorisch in die Lehrpläne zu integrieren. Anschließende, wiederkehrende Informationsangebote würden einen substantiellen Beitrag leisten, um bestehende Ängste ab- und Überzeugung pro Organspende aufzubauen. Aber das kostet natürlich Geld. Ich bin aber der Meinung, dass es das wert ist, um der Transplantationschirurgie, die eine der größten Errungenschaften der modernen Medizin ist, im Sinne der betroffenen Patienten den Stellenwert zu geben, den sie verdient.

Ihr ganz persönliches Engagement brachte den Organspendelauf ins Leben. Eine sportliche Veranstaltung für Bürger mit prominenter Beteiligung. Die neunte Auflage startet am Mittwoch, 22. April 2020, in Berlin. Können Sie uns bitte von den Anfängen erzählen – wie gestaltete sich der Weg von der Idee bis zur Umsetzung?

Hier muss ich Sie korrigieren. Schon vor acht Jahren wurde dieser Lauf von einem meiner Vorgänger im Amt des Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie ins Leben gerufen. Aber ohne jegliche Wahrnehmung durch die Medien oder die Öffentlichkeit nahmen nur 100 bis 150 Chirurginnen und Chirurgen daran teil, und der Lauf war nicht mehr als eine Aktion zur sportlichen Ertüchtigung der Kongressbesucher. Im letzten Jahr haben wir nun diesen Lauf für die Öffentlichkeit geöffnet, weil wir glauben, auch nur so die Botschaft „Pro Organspende“ in die ganze Breite der Bevölkerung transportieren zu können. Die Neuausrichtung war nur erfolgreich durchzuführen mit Hilfe der Mitwirkung und Unterstützung von vielen prominenten Persönlichkeiten aus Sport, Gesellschaft und Politik. Letztes Jahr in München hatten wir über 1.000 Teilnehmer und ein beeindruckendes Medienecho, so dass wir glauben das uns selbst gesteckte Ziel, die Öffentlichkeit für die Organspende zu sensibilisieren, erreicht zu haben.

„Wir hoffen auf bis zu 3.000 Teilnehmer“

Was möchten Sie mit dem Organspendelauf erreichen? Welche Botschaft möchten Sie aussenden?

Unsere Botschaft lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Jeder sollte sich mit der Frage der Organspende zu Lebzeiten beschäftigen und unter den derzeit gegebenen, gesetzlichen Bedingungen, so er zur Spende bereit ist, einen Organspendeausweis ausfüllen und bei sich tragen, und, das ist wichtig, seine Bereitschaft zur Spende auch im Familien- und Freundeskreis bekannt machen.

Dominik Klein, Felix Magath und Christian Schwarzer führen das Starterfeld auf die Strecke beim 8. Takeda Organspendelauf 2019 in München.

Auch Felix Magath schnürte im vergangenen Jahr seine Laufschuhe. Hier im Bild eingerahmt von zwei Größen des deutschen Handballsports: Dominik Klein und Christian Schwarzer. (Foto: Stephan Reichl, http://organspendelauf2019.livestory.jetzt/bildergalerie/)

Haben Sie noch ein Wort für die begeisterungsfähigen Berliner, die hoffentlich in Strömen zum Tempelhofer Feld kommen werden? Wollen Sie dem Berlin Marathon künftig Konkurrenz machen oder bleibt es beim Wechsel zwischen München und Berlin? München hat im letzten Jahr über 1.000 Teilnehmer gesehen, da müssen sich die Berliner also ins Zeug legen.

Wir werden dem Berliner Marathon, der ja höchste sportliche Anforderungen erfüllt, nicht wirklich Konkurrenz machen können. Das wollen wir auch nicht, weil wir eine Benefizveranstaltung mit einer anderen Zielsetzung sind. Wir wollen so viele Berliner wie möglich für unsere Initiative begeistern, um dadurch eine kraftvolle Botschaft auszusenden: wir fühlen uns solidarisch mit den vielen Patienten auf der Warteliste und sind bereit, Organe zu spenden, so der tragische Fall des eigenen Hirntodes eintreten sollte. Wir hoffen auf bis zu 3.000 Teilnehmer und werden nichts unversucht lassen, dieses Ziel zu erreichen.

Eine Fußballfrage können wir Ihnen nicht ersparen. Sie waren ein sehr erfolgreicher Handballer. Gibt es Bezüge zum Fußball? Ihre Geburtsstadt Bochum hat mit dem VfL einen Zweitligisten, der von alten Bundesligazeiten träumt, Ihre Lebens- und Arbeitsstadt Augsburg mit dem FCA einen engagierten Erstligisten. Gibt es da die eine oder andere Berührung oder lässt Ihre Zeit dies nicht zu?

Um ehrlich zu sein: nachdem ich Bochum schon in meinem zweiten Lebensjahr in Richtung Bayern verlassen habe, war ich nie wirklich ein glühender Fan des VfL, auch wenn ich das Auf und Ab dieses Clubs stets mitverfolgt habe. Im Zimmer meines drei Jahre älteren Bruders hing zu Jungendzeiten immer eine VfL-Fahne. Mit meinem Umzug nach Bayern wurde ich ein Fan des FC Bayern, wenn auch in sehr gemäßigtem Umfang. Seit knapp 16 Jahren bin ich nun in Augsburg und bin ein großer Fan des FCA. Ich bewundere, wie es dieser Club mit einem überschaubaren Etat geschafft hat, über die letzten neun Jahre die erste Liga zu halten. Der leider vor eineinhalb Jahren viel zu früh verstorbene Manager des FCA, Peter Bircks, war ein guter Freund von mir und er hat wesentlich dazu beigetragen, mein Feuer für diesen Club zu entfachen. Seit vielen Jahren bin ich Vereinsmitglied und so oft es meine Zeit zulässt, gehe ich ins Stadion.

Zusammen mit TV-Star Verona Pooth gab Arjen Robben vom FC Bayern München im Vorjahr den Startschuss zum Organspendelauf im Englischen Garten in München. (Foto: Stephan Reichl, http://organspendelauf2019.livestory.jetzt/bildergalerie/)

Vom 17. bis zum 19. April 2020 trägt der Deutsche Handballbund ein Qualifikationsturnier zur Teilnahme an den Olympischen Spielen 2020 in Tokyo aus. Was trauen Sie der Nationalmannschaft unter ihrem neuen Trainer Alfred Gislason zu? Wenn es mit der Qualifikation klappt, ist dann eine Medaille in Tokyo drin?

Handball ist und bleibt meine große sportliche Leidenschaft, auch wenn ich selbst seit 30 Jahren dem Ball nicht mehr hinterherjage. Handball ist ein wunderbarer Sport: schnell, dynamisch, körperlich herausfordernd, hart – aber immer fair! Ich habe bei der letzten Europameisterschaft jedes Spiel der Deutschen im TV verfolgt und fand es schade, dass es nicht für mehr als den fünften Platz gereicht hat. Gegen Alfred Gislason habe ich Mitte der 80er Jahre, als er bei TUSEM Essen war, noch selbst gespielt. Ein echter Wikinger, hart aber herzlich, immer kameradschaftlich im Umgang. Als Spieler und später als Trainer hat er bewiesen, dass er dieses Spiel versteht. Seine Erfolgsserie mit dem THW Kiel spricht für sich. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir mit ihm die Qualifikation in wenigen Wochen in Berlin packen. Wir müssen nun die Querelen der letzten Wochen im Deutschen Handballbund um den Trainerwechsel hinter uns lassen und nach vorne schauen. Mit den fantastischen Spielern, die wir in Deutschland haben, ist bei den Olympischen Spielen in Tokyo dann alles drin.

Hier geht’s zum Info-Flyer des 9. Takeda Organspendelaufs 2020.

Hier geht’s zur Offiziellen Website des 9. Takeda Organspendelaufs 2020.

Redaktion Magath & Fußball