Archiv der Kategorie: Medien

Journalismus heute


Veröffentlicht am 8. Oktober 2015

„Journalismus wurde nie stärker infrage gestellt als heute. Viele meiner Kollegen sprechen nicht gern darüber, weil es quasi ein Naturgesetz war, dass wir Journalisten Fähigkeiten hatten, Zugänge und Autorität, die andere nicht hatten. Nun müssen wir uns fragen: Was können wir, was Amateure nicht können? Die digitale Revolution hat meinen Beruf verändert, genau wie die Welt der Musik. […] Wenn ich mich umschaue, sehe ich eine ganze Menge von Chefredakteuren, die geschluckt und ausgespuckt wurden, entweder von den Besitzern der Blätter oder ihren Mitarbeitern. Ich habe Redaktionen gesehen, die in einen Bürgerkrieg abgeglitten sind, weil sie sich nicht auf eine gemeinsame Linie einigen konnten.“

(Alan Rusbridger, 1995-2015 Chefredakteur The Guardian, Interview Der Spiegel, Ausgabe 36/2015)

Eldorado und Monopoly


Veröffentlicht am 12. September 2015

„Millionen Euro wechseln in den letzten Augusttagen die Besitzer, dass ein Vergleich jedem Pferdemarkt spotten würde. Am letzten Tag, ja in den letzten Stunden vor Transferschluss vermeldete der Fußball fast mehr Transfers als in der gesamten Sommerpause – darunter die zwei Weltmeister Julian Draxler und Kevin Großkreutz. Leidtragender dieser Broker-Mentalität: die Vernunft. Auf den Bildern, auf denen Verträge unterschrieben und Trikots in die Kamera gehalten werden, kriecht manchem die Gier aus den Augen. Es ist ein Eldorado für Berater, Manager und sonstige Kickback-Jäger. Vielerorts hört und liest man nun, dass die turbokapitalistischen Exzesse dieser Tage und die Debatten, ob De Bruyne zehn, 20 oder 100 Millionen verdient, dem Fußball schaden würden. Dass die Blase platzt. Dass die Moral siegt. Dass Karl Marx gewinnt. Manche Fans stört dieses Monopoly tatsächlich, zumindest sagen sie das jetzt. Wer hält die Wette? Die Fans werden nicht weniger, sie werden auch nicht leiser jubeln oder weniger twittern als zuvor. Ihnen ist egal, ob an den ohnehin schon obszönen Zahlen noch eine Null dranhängt. Hauptsache, der Ball liegt im Tor.“

(Die Zeit, Online, 1. September 2015)

Fenster zu – Kaufrausch pausiert


Veröffentlicht am 5. September 2015

„Das Transferfenster für Spielerwechsel ist seit vergangener Woche geschlossen. Und wieder einmal staunt die Branche – über die Engländer. Insgesamt 1,2 Milliarden Euro investierten die Klubs der Premier League in Neuzugänge. Die deutschen Vereine profitierten am stärksten, kassierten 207,3 Millionen Euro.“

(Der Spiegel, Ausgabe 37/2015)

Qualität kommt von Qual


Veröffentlicht am 27. Mai 2015

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„Auch wo höchste Meisterschaft nicht gefragt ist, weil ein Volk nicht nur aus Genies bestehen kann – ohne Transpiration kommt Qualität nicht zustande, egal, ob ein Handwerker eine Heizung repariert, ein Klaviervirtuose sein tägliches Übungspensum absolviert oder ein Arzt eine Nierentransplantation vollzieht. Journalisten und andere Berufsschreiber traktiere ich seit einem Vierteljahrhundert mit dem Spruch „Qualität kommt von Qual“, und das bedeutet: Wenn du etwas hingeschrieben hast, so wage nicht, es gut zu finden, bloß weil es von dir ist! Wenn die Zeit irgend reicht, dann nutze die Einsicht, dass die Plage nun erst beginnt: nämlich an dem Text zu feilen, so lange, bis er sein Optimum erreicht hat.“

(Wolf Schneider, Essay, brand eins, Ausgabe 20/2007)

Sportart von Gewicht


Veröffentlicht am 14. April 2015

„Um die Bedeutung des Fußballs in unserer Gesellschaft zu ermessen, helfen vielleicht ein paar Zahlen. Der Deutsche Fußballbund ist mit 6,85 Millionen Mitgliedern der größte Sportverband der Welt. Jeder zwölfte Deutsche ist Mitglied in einem Verein, fast jeder zweite interessiert sich für den Sport.“

(The Huffington Post, 08. April 2015)

Robustheit auf dem Rückzug


Veröffentlicht am 29. März 2015

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„Ein anständiges Tackling gehörte lange zum Repertoire jedes Defensivkünstlers. Es kann, formvollendet ausgeführt, ebenso viel Beifall bringen wie ein Pass in die Tiefe oder ein Hackentrick. Doch die Grätsche ist bedroht. Ein zweiter Grund für das Grätschensterben sind die Regeln. Laut FIFA sollen Spieler bestraft werden, wenn sie mit ‚überzogener Härte‘ grätschen, selbst wenn sie den Ball spielen und ihren Gegenspieler nicht einmal berühren. Tacklings von hinten werden mittlerweile automatisch mit Platzverweisen geahndet. Verständlich, weil diese Attacken gesundheitsgefährdend sind. Doch was ist mit dem Tackling von der Seite oder von vorne, mit ritterlich offenem Visier? Die Firma Impire wertet seit mehreren Jahren Statistiken zu Fußballspielen aus. Gab es 1998 in der Bundesliga noch 1.043 sogenannte Grätschenfouls, sank die Zahl seitdem kontinuierlich. Im Jahr 2012 wurden nur noch 367 gezählt. Es ist damit zu rechnen, dass die FIFA die Regeln weiter verschärft. Sie schützt damit die Offensiven, die Künstler. Keinesfalls aber aus Gutmenschentum, sondern vor allem des schnöden Mammons wegen. Die Offensivspieler sind es, die für Tore und Schlagzeilen sorgen. Sie bringen dem Fußball die Milliarden. Ein grätschender Verteidiger lässt sich nicht gut verkaufen.“

(Die Zeit, „Das Ende der Blutgrätsche“, Auszug, 14. Februar 2013)

Manipulierte Öffentlichkeit


Veröffentlicht am 13. Dezember 2014

„Sie sind immer so extrem. Bei Siegen und Niederlagen. Mich stört, dass die Öffentlichkeit zu sehr manipuliert wird.“

(Lucien Favre, Antwort auf sinnentleerte Reporterfrage, Sky, 6. Dezember 2014)

Irrwege der Kritik


Veröffentlicht am 29. Mai 2014

„Die Behauptungen der Kritiker werden durch Wiederholungen eine orthodoxe Wahrheit, und diese orthodoxe Wahrheit wird als Objektivität behandelt, als Basis, von der aus sich weitere Kritiken entwickeln lassen.“

(Sir Noel Robert Malcolm, Daily Telegraph)

Sport und Medien


Veröffentlicht am 23. April 2014

„Wer wissen will, wie es um das Verhältnis zwischen Sport und Medien bestellt ist, darf beim Fußball nicht aufs Spielfeld schauen – ein Blick zur Pressetribüne gibt da mehr her: Samstagnachmittag, 17 Uhr, erste Bundesliga. Spitze Schreie und geballte Fäuste unter Journalisten, wenn »ihr« Verein endlich das 1:0 erzielt, dem Europacup ein wenig näher kommt und damit der ganze Tross den schönen, weiten Reisen. Madrid, Mailand, Manchester. Was dabei herauskommt, nennt man »1:0-Berichterstattung«. Flanke, Kopfball, Tor, Jubel allerorten. Diese Art von Journalismus ist noch die harmloseste Variante einer nicht mehr zu übersehenden Nähe zwischen Sportlern und Reportern, die Zeitungsleser – vor allem aber Fernsehzuschauer – immer häufiger enttäuscht, weil es bei mancher Sportübertragung schlimmer heimelt und tümelt als im Musikantenstadl. Viele Journalisten, hat der BBC-Reporter Declan Hill einmal geschrieben, klammerten sich einfach »verzweifelt an den Glauben, Sport sei eine Art Elysium, in dem Erwachsene wie Kinder spielen.“

(Henning Sußebach, Auszüge: „Von nun an per Sie“ in Die Zeit, 26. Januar 2006)