Schlagwort-Archive: Schmidt

Letzte Begegnung mit einem Schachspieler


Veröffentlicht am 12. November 2015

ZEIT-Reporter Ulrich Stock über Helmut Schmidt

Der Anruf kommt meist am Montag oder Dienstag, mitten in der Hauptproduktionszeit. Wenn ich die Nummer auf dem Display meines Telefons sehe, weiß ich schon, worum es geht. Das Büro von Helmut Schmidt. Ob ich Lust hätte auf eine Partie, gleich jetzt? Lust habe ich immer, und wenn der Herausgeber ruft, müssen andere Dinge eben zurückstehen. Sein Büro liegt auf der anderen Seite des Pressehauses. Eine seiner Vorzimmerdamen geleitet mich zu ihm, den ich hinter seinem Schreibtisch nur schemenhaft erkenne. „Rauchen Sie?“ Er streckt mir sein Etui entgegen. Ich lehne dankend ab. Dann zieht er ein winziges Brett hervor, was mich überrascht. Ein großer Schachspieler muss doch ein großes Brett haben! Weiterlesen

Persönlichkeit und Aufbruch


Veröffentlicht am 11. November 2015

Helmut Schmidt beim WM-Finale 1974 im Münchner Olympiastadion. Im Hintergrund DFB-Präsident Dr. Hermann Gösmann (links) und DFB-Vizepräsident Hermann Neuberger.

Helmut Schmidt beim WM-Finale 1974 im Münchner Olympiastadion. Im Hintergrund DFB-Präsident Dr. Hermann Gösmann (links) und DFB-Vizepräsident Hermann Neuberger.

Die Ethik eines Helmut Schmidt könnte dem organisierten Fußball als Vorbild dienen

Ein altes Indianersprichwort sagt: „Wie groß ein Baum war, lässt sich erst ermessen, wenn er gefällt ist.“ Auch Indianer können irren. Die Größe von Helmut Schmidt war schon messbar, als dieser längst nationaler Kompass für Anstand, Umsicht, Integrität und Pflichterfüllung, dabei der Nation vorlebte, was ein Staatsmann sein kann. Der charismatische Hanseat brauchte zur Entfaltung seiner Wirkung kein Amt, es genügte die Kraft seiner Worte, die Autorität seiner Persönlichkeit und sein gelebter Wertekanon. Eine Persönlichkeit aus diesem Holz täte auch dem DFB gut. Man sucht und spekuliert aktuell nämlich über den neuen Fußballboss in Deutschland. Das Format Schmidt gibt’s natürlich nicht mehr in der Politik und schon gar nicht im Sport, an Stelle von Persönlichkeit ist längst eine blasse Harmlosigkeit getreten. Dennoch müssen weiter Führungspositionen besetzt werden. Der DFB benötigt dringend eine Mischung aus Aufräumer und Gestalter, mit lauterem Charakter und einem Höchstmaß an Seriosität. Der größte Sport-Fachverband der Welt braucht klare Kante und eine transparente Führung, muss in Gesamtheit den Willen, die Kraft und den Mut zum Neuanfang aufbringen, den Aufbruch gestalten. Nur durch die schonungslose Aufarbeitung und Bewältigung aller aktuellen Krisen kann ein Reset gelingen. Dabei gilt es, dringlich und zuallererst an fast sieben Millionen Mitglieder zu denken und nicht an eine Wohlfühloase von jahrzehntelangen Duzfreunden mit dem Hang zu latenter Kumpanei. Für einen glaubhaften Neuanfang könnte natürlich die Ethik eines Helmut Schmidt eine gute Richtschnur sein. Selbiger Schmidt schlug oft bei Mark Aurel nach. Dieser römische Kaiser und Philosoph ist nicht die schlechteste Lektüre für Verantwortungsträger. In seinen Betrachtungen kann man lesen: „Der Schein ist ein gefährlicher Betrüger. Gerade wenn du glaubst, mit ernsten und hohen Dingen beschäftigt zu sein, übt er am meisten seine täuschende Gewalt.“ Auch Sportfunktionären ist der Griff zum Buch nicht verboten. Sollte dem Deutschen Fußball-Bund ein ehrlicher Aufbruch nebst Selbstreinigung glaubhaft gelingen, woran zum jetzigen Zeitpunkt leider noch gezweifelt werden darf, könnte und sollte von Deutschland ein starker Impuls ausgehen, um im Augiasstall FIFA wirklich auszumisten. Es wäre dringend nötig. Dem Fußball möchte man es von Herzen wünschen.

Redaktion Magath & Fußball

* 23. Dezember 1918 – † 10. November 2015


Veröffentlicht am 10. November 2015

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Helmut Schmidt.

„Denn keine Begeisterung sollte größer sein als die nüchterne Leidenschaft zur praktischen Vernunft.“

(Helmut Schmidt, Abschiedsrede im Bundestag am 10. September 1986)

Rudi ratlos


Veröffentlicht am 10. November 2015

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In Leverkusen klaffen Selbstwahrnehmung und Wirklichkeit traditionell auseinander

Bei Bayer 04 ist es seit Jahren das Gleiche: Oberflächlich betrachtet sind die Voraussetzungen im Grunde genommen hervorragend. Darin besteht unter den Verantwortlichen, Fans und den mehr oder weniger kritischen Beobachtern meist im Vorfeld schon Einigkeit. In einer „spielstarken Mannschaft“ stimmt die Mischung aus Talent und jugendlichem Esprit sowie Reife und internationaler Erfahrung. An der Seitenlinie steht ein Mann mit Konzept, exzellenter Ausbildung und „hohem spieltaktischen Verständnis“. Und obendrein sorgt ein „potenter Namensgeber“ für das nötige Kleingeld in der Kasse, das auf dem Transfermarkt dann nicht selten großzügig verteilt wird. Kurzum: Eigentlich, so das allgemeine Verständnis, bietet das Leverkusener Fußball-Universum den idealen Nährboden für sportlichen Erfolg. Eigentlich. Denn die Realität sieht im Großen und Ganzen weitgehend anders aus: Die an den Fußball-Stammtischen der Bundesrepublik gerne und oft aufs Korn genommene Pokalvitrine der Rheinländer liegt tatsächlich erschreckend brach. Gemessen am wirtschaftlichen Starterpaket, man muss es so deutlich sagen, ist der fußballerische Ertrag in der Summe doch ziemlich überschaubar – um nicht zu sagen: äußerst bescheiden. Darüber können auch die regelmäßig halbgaren Champions League Auftritte nur schwerlich hinwegtäuschen. Nachhaltig seriöse Ursachenforschung allerdings verbietet sich offensichtlich, diesen Eindruck jedenfalls vermitteln die Entscheidungsträger auch dieser Tage unisono. Insbesondere Sportdirektor Rudi Völler gibt dabei bisweilen ein seltsames Bild ab. Weiterlesen

Viel Lob aber keine Punkte


Veröffentlicht am 30. September 2015

Matchwinner: Luis Suárez (hier beackert von Giulio Donati und Karim Bellarabi) war gegen Bayer 04 lange Zeit gar nicht zu sehen, in der Schlussphase aber zur Stelle.

Matchwinner: Luis Suárez (hier beackert von Giulio Donati und Karim Bellarabi) war gegen Bayer 04 lange Zeit gar nicht zu sehen, in der Schlussphase aber zur Stelle.

Starkes Leverkusen gibt Sieg im Camp Nou aus der Hand – Bayern-Gala gegen Zagreb

Zwei Minuten reichten dem FC Barcelona am zweiten Gruppenspieltag der Champions League, um einen völlig verdienten 0:1-Rückstand gegen eine stark aufspielende Bayer-Elf noch in einen glücklichen 2:1-Sieg zu verwandeln. Ohne Lionel Messi – der Argentinier wird den Katalanen nach einer im Ligaspiel gegen Las Palmas erlittenen Knieverletzung wohl sechs bis acht Wochen fehlen – mangelte es dem Titelverteidiger spürbar an Durchschlagskraft und Esprit, lange Zeit drohte nach dem 1:1 in Rom vor zwei Wochen ein Fehlstart. Den Spielverlauf aber einzig und allein am Fehlen des vierfachen Weltfußballers festzumachen, käme der Leverkusener Leistung im Camp Nou nicht gerecht. Lange nämlich war Bayer 04 schlicht und ergreifend die bessere Mannschaft. Die von Abwehrmann Kyriakos Papadopoulos per Kopf erzielte Führung (22.) daher alles andere als unverdient, wenngleich der Grieche von einem Missverständnis zwischen Jérémy Mathieu und Marc-André ter-Stegen profitierte. Zunächst mit hohem Laufaufwand und aggressivem Pressing bis vor den gegnerischen Strafraum, später mit großer Ordnung und taktischer Disziplin im Mittelfeld zog der Bundesliga-Fünfte dem spanischen Tabellenführer den Zahn, ließ Barca nur selten einmal zur Entfaltung kommen. Nach dem Seitenwechsel zunächst ein ähnliches Bild und die Riesenchance für Chicharito, auf 0:2 zu stellen. Der Mexikaner aber geriet in Rücklage, semmelte das Leder in die Wolken und vergab eine mögliche Entscheidung. Unwahrscheinlich, dass sich die Blaugrana an diesem Tag von einem Zwei-Tore-Rückstand erholt hätte. So aber kam es, wie es kommen musste. Weiterlesen

Der lange Abschied


Veröffentlicht am 2. Juni 2015

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Wenn ein Pokalfinale nur noch Nebensache

Der Herzog von Wellington hatte recht: „Man könne die Geschichte eines Tanzvergnügens ebenso wenig wie die Geschichte einer Schlacht schreiben. Jeder Teilnehmer behält eine andere Erinnerung an das Ereignis im Gedächtnis, manch glückliche, manch traurige, selten eine objektive.“ Wenn vom DFB-Pokalfinale zu Berlin 2015 eines hängen blieb, dann der Dauer-Scheinwerfer auf einen Davongehenden. Der Trainer der unterlegenen Mannschaft war vor, während und nach der Partie Hauptbestandteil einer sich heiß laufenden Berichterstattung und als Person längst losgelöst vom eigentlichen Ereignis. Die Demission des Jürgen Klopp in Dortmund überstrahlte das Spiel. Dieses gewann der VfL Wolfsburg mit 3:1 und nahm den Pokaltitel mit in die VW-Hochburg am Mittellandkanal. Titel will auch Jürgen Klopp bald wieder mitnehmen. Er muss dabei nicht auf die Provinz schauen, es steht ihm die Fußballwelt offen. Nach sieben sehr erfolgreichen Jahren in Dortmund, die den Bayern immerhin zwei Meistertitel kosteten, winken neue Aufgaben. Was wird der Mann tun? Die Republik hat zu rätseln. Die öffentliche Verklärung, die man dem Betroffenen nicht ankreiden darf, landet fast in den Verehrungssphären eines Helmut Schmidt. So wie der Altkanzler allerdings längst alles hinter sich, hat Jürgen Klopp noch vieles vor sich. Der Tratsch reicht von der Anfield Road über den Vesuv zu Neapel bis zur Säbener Straße, selbst das Geraune einer baldigen Rückkehr an die Stätte einstiger Triumphe will nicht verstummen. Man darf gespannt sein, wohin diese Reise geht. Bis dahin darf man dem Fußballtrainer im Wartestand eine geruhsame Zeit und ein paar freie Tage wünschen. Verdient hat er sie längst.

Redaktion Magath & Fußball

Werkself überrascht


Veröffentlicht am 26. Februar 2015

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Knapper Sieg über Atlético, auch der BVB darf hoffen

Runde zwei der Achtelfinal-Hinspiele brachte durchaus Überraschungen. Eine davon ganz klar der Leverkusener Auftritt gegen den Vorjahresfinalisten Atlético. In einer von beiden Seiten aggressiv geführten Begegnung, bisweilen am Rande der sportlichen Fairness ausgetragen, gab die in der Bundesliga im Fußballjahr 2015 noch nicht richtig in Tritt gekommene Werkself zu keiner Zeit klein bei, stellte den Favoriten vor größere Probleme, als es erwartet werden durfte und nahm am Ende keineswegs unverdient einen 1:0-Erfolg mit ins Rückspiel. Das Weiterkommen freilich ist das noch lange nicht, für ein Tor aber ist die offensivstarke Bayer-Mannschaft auch im Vicente Calderón immer gut. Und dann bräuchte es durch die Auswärtstorregel eben schon drei Treffer der Rojiblancos… Weiterlesen

Hitz-Wahnsinn in Augsburg


Veröffentlicht am 23. Februar 2015

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Drittes Torwart-Feldtor der Bundesliga-Geschichte

Jens Lehmann war im Revierderby 1997 der erste. Beim Stand von 1:2 aus Sicht der Schalker traf der spätere Dortmunder nach einem verlängerten Eckball per Kopf zum Ausgleich ins Netz und den BVB mitten ins Mark. Im März 2002 tat es ihm Frank Rost gleich, damals noch im Trikot von Werder Bremen erzielte er in den Schlussminuten gegen Hansa Rostock das zwischenzeitliche 3:3, Bremen gewann das Spiel später sogar noch mit 4:3. Der dritte im Bunde der Torhüter, denen im gegnerischen Strafraum aus dem Spiel heraus ein Treffer gelang, ist seit Samstag nun Marwin Hitz. In der Augsburger SGL-Arena lief bereits die vierte Minute der Nachspielzeit, als sich der Schweizer bei einer Ecke der Gastgeber in den Leverkusener Strafraum bewegte. Zunächst schon sah es so aus, als wäre diese verpufft – der eingewechselte Shawn Parker aber brachte die Kugel noch einmal in die Gefahrenzone. Jan-Ingwer Callsen-Bracker kam nicht richtig dran und plötzlich stand da eben Marwin Hitz, der seinen Torwartkollegen Bernd Leno aus der Drehung zum 2:2 überwand. Weiterlesen