Schlagwort-Archive: Zeit

Qualität kommt von Qual


Veröffentlicht am 27. Mai 2015

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„Auch wo höchste Meisterschaft nicht gefragt ist, weil ein Volk nicht nur aus Genies bestehen kann – ohne Transpiration kommt Qualität nicht zustande, egal, ob ein Handwerker eine Heizung repariert, ein Klaviervirtuose sein tägliches Übungspensum absolviert oder ein Arzt eine Nierentransplantation vollzieht. Journalisten und andere Berufsschreiber traktiere ich seit einem Vierteljahrhundert mit dem Spruch „Qualität kommt von Qual“, und das bedeutet: Wenn du etwas hingeschrieben hast, so wage nicht, es gut zu finden, bloß weil es von dir ist! Wenn die Zeit irgend reicht, dann nutze die Einsicht, dass die Plage nun erst beginnt: nämlich an dem Text zu feilen, so lange, bis er sein Optimum erreicht hat.“

(Wolf Schneider, Essay, brand eins, Ausgabe 20/2007)

Einiges los über Ostern


Veröffentlicht am 7. April 2015

Blaise Matuidi (Mitte) war einer der PSG-Torschützen beim wichtigen Auswärtssieg im Stade Vélodrome.

Blaise Matuidi (Mitte) war einer der PSG-Torschützen beim wichtigen Auswärtssieg im Stade Vélodrome.

Arsenal, Ronaldo, Bayern und Busattacken bestimmen Ostertage im europäischen Fußball

Medienhype um fünf Ronaldo-Tore. In Deutschland wird daraus „Ronaldo lässt Messi stehen“. Gespielt haben die beiden nicht gegeneinander, nicht einmal ihre Vereine. Dieser latente Quervergleich bringt Schreiber offenbar leichter durch den Arbeitstag und hält die Werbetrommel am Laufen. Man will uns sagen, der eine hat nun wieder mehr Tore. Ronaldo kommt auf 36 Treffer, Messi auf 32. Real Madrid gewann beim FC Granada unbehelligt vom Gegner mit 9:1. Solche Tage und Torquoten machen nicht nur verquere Schlagzeilen, sie munitionieren natürlich schon jetzt die nächste Weltfußballerwahl. Die respektheischende Torquote von Messi/Ronaldo hat ein verqueres Schlagzeilen-Drumherum eigentlich nicht nötig, aber die Manege will bedient werden. Sei’s drum. Der FC Barcelona machte es minimalistischer und ohne Schlagzeilen. An diesem Tag also kein Messi-Treffer aber auch drei Auswärtspunkte. Mit einem 1:0 bei Celta Vigo wurde der Vier-Punkte-Vorsprung auf Real gehalten, die Tabellenführung der Primera División weiter gesichert. In Frankeich ging es auch um die Tabellenführung. Das erste Wort hatten dort aber Chaoten. Vor Beginn des Spitzenspiels bei Olympique Marseille wurde der Mannschaftsbus von Spitzenreiter Paris Saint Germain auf der Fahrt ins Stadion mit Wurfgeschossen angegriffen. Die Leistung der Spieler von PSG davon unbeeindruckt. Man nahm die schwere Auswärtshürde mit einem 3:2-Sieg und sicherte sich weiter Platz eins in der France Ligue 1 Tabelle.  Weiterlesen

Robustheit auf dem Rückzug


Veröffentlicht am 29. März 2015

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„Ein anständiges Tackling gehörte lange zum Repertoire jedes Defensivkünstlers. Es kann, formvollendet ausgeführt, ebenso viel Beifall bringen wie ein Pass in die Tiefe oder ein Hackentrick. Doch die Grätsche ist bedroht. Ein zweiter Grund für das Grätschensterben sind die Regeln. Laut FIFA sollen Spieler bestraft werden, wenn sie mit ‚überzogener Härte‘ grätschen, selbst wenn sie den Ball spielen und ihren Gegenspieler nicht einmal berühren. Tacklings von hinten werden mittlerweile automatisch mit Platzverweisen geahndet. Verständlich, weil diese Attacken gesundheitsgefährdend sind. Doch was ist mit dem Tackling von der Seite oder von vorne, mit ritterlich offenem Visier? Die Firma Impire wertet seit mehreren Jahren Statistiken zu Fußballspielen aus. Gab es 1998 in der Bundesliga noch 1.043 sogenannte Grätschenfouls, sank die Zahl seitdem kontinuierlich. Im Jahr 2012 wurden nur noch 367 gezählt. Es ist damit zu rechnen, dass die FIFA die Regeln weiter verschärft. Sie schützt damit die Offensiven, die Künstler. Keinesfalls aber aus Gutmenschentum, sondern vor allem des schnöden Mammons wegen. Die Offensivspieler sind es, die für Tore und Schlagzeilen sorgen. Sie bringen dem Fußball die Milliarden. Ein grätschender Verteidiger lässt sich nicht gut verkaufen.“

(Die Zeit, „Das Ende der Blutgrätsche“, Auszug, 14. Februar 2013)

Zwischenfeld


Veröffentlicht am 31. Januar 2015

„Nach einem anstrengenden Tag möchte man sich nicht mit unverarbeiteten Vorgängen und Gedanken in einen vielleicht etwas unruhigen Schlaf retten. Mit dem Schachspiel kann man dann ein Zwischenfeld einlegen zwischen den Ereignissen des Tages und der Ruhe der Nacht.“

(Richard von Weizsäcker, Die Zeit, Kolumne Helmut Pfleger, 05. Mai 2010)

Der Mann aus Markranstädt


Veröffentlicht am 25. Januar 2015

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Nur ein Deutscher leitete jemals ein WM-Endspiel

Dieser FIFA-Präsident war noch Fußball und guter Stil, Marketing und Geld dominierten nicht das Spiel und dessen Umfeld. Daher kümmerte sich der Engländer Sir Stanley Rous persönlich um das von den Endspielteilnehmern aufgeworfene Problem der Schiedsrichterbesetzung des bevorstehenden WM-Finales im Aztekenstadion. Das am 21. Juni 1970 in Mexiko-Stadt stattfindende Ereignis brauchte dringlich einen Unparteiischen. Die Italiener wollten keinen Schiedsrichter aus Südamerika akzeptieren, die Brasilianer verweigerten sich gegen die prominenten Schiedsrichter aus den europäischen Spitzenverbänden. Der Spielraum also äußerst gering. Bei Stanley Rous war nicht nur der Weltverband in guten Händen, er verstand auch etwas von den Regeln und Notwendigkeiten. Immerhin war der Mann in seiner Jugend ein erfolgreicher Schiedsrichter, leitete in seiner aktiven Zeit 34 Länderspiele und als Höhepunkt dieser Karriere das FA Cup Endspiel 1934 in Wembley. Weiterlesen

Stumpfe Waffen


Veröffentlicht am 14. Januar 2015

„Auf absehbare Zeit wird der beste Schachspieler immer mal eine Partie gegen den Computer gewinnen. Darauf kommt es an. Auf diese eine Partie, in der wir Menschen uns durch Kreativität durchsetzen – solange das geht, sind wir noch vorn.“

„Schach sollte überall auf der Welt Schulfach werden. Es fördert die geistige Auseinandersetzung. Es lehrt die Demut in der Niederlage.“

„Das Glück über einen bahnbrechenden Zug geht nie vorbei. Aber ich hatte meine Tiefpunkte. Das hing mit der Motivation zusammen, damit, dass ich alles erreicht, jeden Titel, jedes Großmeisterturnier gewonnen hatte. Ich war satt geworden. Wer jeden Krieg gewinnt, muss seine Waffen nicht mehr schärfen.“

(Gary Kasparow, Interview, Der Spiegel, Ausgabe 47/2002)

Rückschau


Veröffentlicht am 30. Dezember 2014

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Fußball 2014 kam in voller Fahrt

Auf der Strecke geht unendlich viel verloren, Ruhm und Schmach haben kaum noch Zeit, sich in die Köpfe zu setzen. Das Karussell Fußball dreht immer schneller, der Zirkus verschlingt oft die Manege, Spiele geben sich im Tagestakt die Klinke in die Hand. Haften bleibt der Weltmeister. Mehr geht auch am Jahresende nicht. Das funkelt auch in der Erinnerung. Wer denkt noch an Geschlagene und Plätze? Deutschland hat das Ding aus Südamerika geholt. Einmalige Leistung. Bei den gut geführten Nachwuchszentren, vielen seriösen Clubs und einer funktionierenden Liga wird es nicht der letzte deutsche Titel bleiben. Die anderen hecheln nur noch hinterher. Weiterlesen

Im Auge des Vulkans


Veröffentlicht am 1. November 2014

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Präsident Aurelio De Laurentiis prägt den SSC Neapel

Der Vesuv sah Pompeji untergehen und hatte gerüttelt Maß Anteil daran. Dank Edward Bulwer-Lytton und Robert Harris können wir uns dahin zurücklesen, seit Hollywood fliegt uns die Lava kinematographisch um die Ohren. Mit ähnlich eruptiver Energie wie der feuerspeiende Vulkan am Golf von Neapel, ließ ein argentinischer Fußballer den blassen Fußballstern am Fuße des Berges zum Leuchten aufsteigen. In der Erfolgsgemeinschaft mit Diego Maradona gelangte der SSC Neapel zu europäischer Fußballgröße und wurde zur Nummer eins in Italien. Die Erinnerung hat sich längst losgelöst von der Realität und kommt mittlerweile verklärt daher, „Goldene Ära“ schwärmen sie in Neapel. Dem Verursacher werden in der Stadt bis zum heutigen Tag Heiligenschreine gewidmet, sein Besuch beim Abschiedsspiel von Ciro Ferrara im Sommer 2005 führte zu einer Maradona-Feierstunde, als dieser vor 70.000 Zuschauern seine alte Wirkungsstätte, das Stadion San Paolo, betrat. Vor Maradona war der SSC Neapel nur ein 1904 gegründeter Fußballverein von Hafenarbeitern, die natürlich aus England kamen. Belacht und mit hoher Nase in den Fußballhochburgen Rom, Turin und Mailand bedacht, spielte man keine Rolle im Konzert der Großen, diente nur als Beispiel des armen wie hinterherhinkenden Südens. Lediglich zwei Pokalsiege konnten vom Kuchen der Großclubs erkämpft werden, man gewann 1962 und 1976 die Coppa Italia. Der Fußballnorden Italiens musste sich wahrlich nicht bedroht fühlen durch diesen SSC Neapel. Weiterlesen

Hollerbach & Magath


Veröffentlicht am 28. September 2014

„Ich kannte den Felix ja schon länger, er hat mich als Spieler zum HSV geholt. Der Kontakt ist nie abgerissen. 2007 hat er mich als Cheftrainer und Manager des VfL Wolfsburg gefragt, ob ich sein Assistenztrainer werden möchte. Da habe ich mich natürlich geehrt gefühlt. Felix Magath ist für mich nach wie vor einer der besten Trainer der Welt. Wenn man mit jemandem wie ihm arbeiten darf, lernt man eine Menge. Wir hatten eine sehr erfolgreiche und vertrauensvolle Zeit zusammen.“

(Bernd Hollerbach, spox.com, Interview, 26. September 2014)