Katalanische Eröffnung


Veröffentlicht am 21. Mai 2014

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Luis Enrique vor Umbruch in Barcelona

Frischer Wind. Aufbruch – retour in glorreiche Zeiten – heißt sein Auftrag. Luis Enrique soll die Figuren auf dem Barca-Brett wieder in eine Erfolgsaufstellung bringen. Die Ziele „simpel“: Meisterschaft und Champions League Titel gehören ins Camp Nou, wenn möglich am Stück. Was Cruyff und Guardiola gelang ist auch ihm aufgetragen. Barca auf den europäischen Fußballthron, heimische Liga beherrschen, ewigen Rivalen in Schach halten und Emporkömmlinge zurück in die Schranken weisen. So denkt man wohl in Katalonien, ganz so laut spricht es keiner mehr aus. Das Selbstbewusstsein der letzten Jahre hat Kratzer bekommen.

Luis Enrique erscheint als eine Mischung aus Pep Guardiola und des in diesem Jahr verstorbenen Tito Vilanova. Er hat nicht die Tiefe von Vilanova, ist nicht so messianisch wie Guardiola aber mit beider Besessenheit in Sachen Barca und Fußball geimpft, nicht die schlechteste Voraussetzung für diesen Trainerthron. Wenn Enrique auf das Schachbrett Barca schaut wird er keinen Untergang sehen aber einige Probleme erkennen. Im Schach bietet die Katalanische Eröffnung zwei zentrale Möglichkeiten. Bei einer Variante kann das Spiel einen offenen und lebendigen Charakter nehmen und in der anderen Variante einen sehr nüchternen und verschlossenen Spielstil verlangen. Was Luis Enrique am Schachbrett bevorzugt ist nicht bekannt, in Sachen Fußball steht er mit seinem Namen für die Spielfreude des FC Barcelona. Diese wieder mit Erfolgsgeschichten zu garnieren wird sein Job sein. Die erste Botschaft wirkt wie ein Paradigmenwechsel. Kein genialer Mittelfeldlenker oder zaubernder Torschützenkönig kam als erste Neu-Personalie an Bord. Es war ein junger Torwart aus Gladbach, der künftig das Tor der Katalanen hüten soll.

In Barcelona definierte man sich immer über Stil und Lokalpatriotismus, nicht über eine auf dem Globus zusammengekaufte Mannschaft von großen Namen. Man machte lieber Namen. Der Zauber des FC Barcelona überrannte vor wenigen Jahren jeden Gegner, jetzt verfliegt die Magie. Selbst Abstiegskandidaten der Primera División können Barca mittlerweile aus dem Tritt bringen. Einst war so etwas nur den Defensivkünstlern von Inter Mailand gelungen. Die zaubernden Katalanen ihrerseits wirken manchmal ratlos, fanden selten Alternativen zum ewig bewährten Ablauf. Barca kann in der jetzigen Verfassung offensichtlich keine entscheidenden Fußballspiele gewinnen. Der Kopf, der ewige Erfolg, eine normale Durststrecke oder die Jahre? Luis Enrique wird es ergründen müssen. Seit 2011 war er auf den Stationen AS Rom und Celta Vigo im Wartestand, Blickrichtung Barcelona schlug sein Herz, nun ist er am Drücker.

Der neue Mann hat Kredit bei den Barca Fans, ihm verzieh man sogar fünf Jahre im Trikot der Königlichen, erkor ihn in die Phalanx verehrter Lieblingsspieler. Wird er die Problemfelder in Barcelona lösen, das Feld neu bestellen? Kapitän Puyol von Bord, eine Institution sagt adiós. Der Spiellenker Xavi – wohl der spielintelligenteste Fußballer des letzten Jahrzehnts – Hirn und Motor der Mannschaft, tritt mit 34 Jahren aus dem Zenit seiner Genialität, geht sicher auch dem Ende seiner Kariere entgegen. Es gibt Spieler die sind nicht zu ersetzen, Puyol und Xavi gehören zu dieser Sorte. Dazu kommt eine wackelige Abwehr, die Luis Enrique Kopfzerbrechen bereiten wird. Ohne Stabilität im gesamten Defensivbereich bleibt es bei titellosen Zeiten. Offensiv verfügt Barcelona immer noch über sprühendes Feuerwerk, mag das Pulver auch ab und an nass sein. Lionel Messi hatte gefühlt eine schlechte Saison, wirkte oft angeschlagen, lust- wie kraftlos bis unbeteiligt. Dabei schoss er dann in 46 Spielen ganze 41 Tore und lieferte 15 Vorlagen, solche „Kraftlosigkeit“ würde sich jeder Verein der Welt wohl herbeisehnen. Der gescholtene Neymar konnte in 41 Spielen auch 15 Tore bieten und noch 15 Vorlagen, durchaus respektabel für ein erstes Jahr. Enrique wird Wege suchen diese beiden Offensivkünstler in ein kompatibles System zu bringen, dann hat Barca auch weiterhin ein außergewöhnliches Erfolgsgespann. Beide Spieler wollen mit dem WM Titel zurück in das Camp Nou, einer wird enttäuscht heimkehren. Dies aufzufangen ist auch Aufgabe vom neuen Barca-Coach.

Der FC Barcelona ist nicht am Ende. Die legendäre Mannschaft der letzten Jahre mag ihren Kreis ausgeschritten haben, ihre Uhr ablaufen und somit bald der Geschichte anheimfallen. Aber was für eine Geschichte! Kein Team unserer Zeitrechnung kam dieser Elf nah. Sie griffen nicht nach den Sternen, sie waren welche. Nun ein heraufdämmernder Umbruch. Barca steht nicht vor einem Schachmatt, Barca steht am Beginn einer neuen Partie. Der erste Zug ist nun an Luis Enrique.

Redaktion Magath & Fußball

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