God is good


Veröffentlicht am 28. Oktober 2014

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Ein Hoffnungsträger für die Three Lions

Nicht Wayne Rooney, auch nicht Danny Welbeck, Daniel Sturridge, Rickie Lambert oder Jay Rodriguez lautet der Name des bis dato gefährlichsten Engländers in der Premier League. Saido Berahino, 13-facher U21-Nationalspieler in Diensten von West Bromwich Albion, hat nach dem neunten Spieltag bereits sieben Treffer auf dem Konto, wird bislang in der Torjägerliste nur von Sergio Agüero und Diego Costa (beide neun) übertroffen. Der 21 Jahre alte Angreifer mit der Rückennummer 18 war zuletzt in vier Spielen fünfmal erfolgreich, traf in der Vorwoche im „The Hawthorns“ sowohl gegen Manchester United als auch gegen Crystal Palace (jeweils 2:2). Schon jetzt wird an der Anfield Road wie an der White Hart Lane öffentlich über eine in diesem Falle wohl äußerst kostspielige Verpflichtung des Shootingstars im Winter spekuliert, sein Länderspieldebüt für England wohl nur eine Frage der Zeit. Angesichts der gegenwärtigen Sturmflaute bei den Three Lions scheint eine erstmalige Berufung Berahinos schon für die Partie gegen Slowenien in der EM-Qualifikation Mitte November durchaus im Bereich des Möglichen. Gottvertrauen, Coach Alan Irvine und nicht zuletzt ein Blick auf die eigene Geschichte sorgen derweil dafür, dass der Torjäger in der Welt frühreifer, ruhmgeschwängerter Fußball-Halbgötter nicht die Bodenhaftung verliert.

Als Saido Berahino vor etwas mehr als zehn Jahren in Bujumbura ein Flugzeug nach London Heathrow bestieg, war das sein Ticket in die Freiheit. In Burundi, seinem Heimatstaat im Osten Afrikas grenzend an Ruanda im Norden, die Demokratische Republik Kongo im Westen und Tansania im Osten, tobte noch immer der Bürgerkrieg zwischen der wirtschaftlichen Elite, den Tutsi, und der mit rund 85 Prozent größten Bevölkerungsgruppe, den Hutu. Zwischen 1993, seinem Geburtsjahr, und 2005 ließen im einstigen Königreich Burundi, das Ende des 19. Jahrhunderts von den europäischen Großmächten der Kolonie Deutsch-Ostafrika zugeteilt wurde, mehr als eine Viertelmillion Menschen ihr Leben. Noch heute liegt die Last dieser humanitären Katastrophe schwer auf dem mit über zehn Millionen Menschen auf nicht einmal 30.000 Quadratkilometern dicht besiedelten Staat: Burundi gilt als das am stärksten vom Hungerleiden betroffene Land der Erde, mehr als die Hälfte der Einwohner leben unterhalb der Armutsgrenze.

Noch bevor sein Vater starb, hatte sich die Mutter nach Europa aufgemacht, um in England für die Familie nicht nur politisches Asyl, sondern vor allem ein besseres Leben zu ersuchen. Urplötzlich war der damals zehnjährige Junge inmitten der Unruhen völlig auf sich allein gestellt. „In meiner Heimat ist so viel passiert, das hat bei allen Menschen, die das persönlich erlebt haben, tiefe Spuren hinterlassen“, blickt Berahino zurück und meint: „Insofern haben mich meine Wurzeln schon frühzeitig stark gemacht und dazu beigetragen, dass ich schneller erwachsen wurde.“ Glücklicherweise dauerte es nicht allzu lang – die Familie wurde in Newtown, Birmingham aufgenommen – bis die Mutter genügend Geld für das Flugticket des Sohnes abgespart hatte, der sich schließlich auf eigene Faust auf eine Reise begab, die sein Leben für immer verändern sollte.

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„Für mich war das damals natürlich nichts anderes, als ein gewaltiger Kulturschock“, erinnert sich Saido Berahino, der zunächst ohne ein Wort Englisch sprechend und mit Hilfe eines Dolmetschers die Familie in den West Midlands ausfindig machen musste. Als das gelang, erleichterte ihm seine größte Begabung die Eingewöhnung. „Durch das Fußballspielen wurde vieles einfacher für mich, auch zur englischen Sprache fand ich einen schnelleren Zugang. Ich danke Gott dafür, dass er mir das Talent gegeben hat, es so weit zu schaffen.“ Beim Probetraining der U12 am West Bromwich Albion Centre of Excellence überzeugte er auf Anhieb und bekam bald darauf ein Stipendium für die Aston Manor Academy. Fortan durchlief Berahino sämtliche Nachwuchsabteilungen und spielte sich in den Fokus der englischen Junioren-Auswahlteams. Mit der U17 gewann er 2010 die Europameisterschaft in Liechtenstein, steuerte in der Vorrunde gegen die Türkei sogar einen Treffer bei. Bereits im Sommer 2011 zählte er zum englischen Aufgebot bei der U20-WM in Kolumbien.

Parallel dazu unterschrieb der hochveranlagte Angreifer noch im selben Jahr seinen ersten Profivertrag bei West Brom, wurde im Oktober aber zunächst zu Northampton Town verliehen. In 14 League Two-Begegnungen gelangen ihm sechs Tore, ehe er in der zweiten Saisonhälfte zu Brentford in die League One wechselte. In sieben Partien (vier Treffer) hinterließ Saido Berahino auch bei den „Bees“ einen guten Eindruck, ging im Sommer dennoch zurück zu West Brom und debütierte Ende August 2012 im League Cup gegen Yeovil Town. Noch einmal wurde das Sturmtalent anschließend verliehen: In der Championship war Peterborough United seine letzte Station, bevor er 2013 zu den „Baggies“ zurückkehrte und endgültig den Durchbruch schaffte. Seinem Premier League Debüt gegen Swansea folgte wenig später ein Auftritt für die Geschichtsbücher: Ausgerechnet im Old Trafford gelang Berahino sein allererster Ligatreffer, der West Brom gleichzeitig den ersten Auswärtssieg bei Manchester United seit 35 Jahren einbrachte. Spätestens jetzt war der ebenso schnelle wie schussgewaltige Offensivmann in aller Munde und trug mit fünf Treffern in 32 Premier League Einsätzen im weiteren Saisonverlauf maßgeblich dazu bei, dass West Brom auf Tabellenplatz 17 mit drei Punkten Vorsprung auf Norwich City gerade so die Klasse hielt.

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Vielversprechend nun sein Start in die laufende Spielzeit: Mit sieben Toren nach neun Spielen hat Berahino schon früh die eigene Marke aus dem Vorjahr pulverisiert. Und eines scheint sicher, allerspätestens im Sommer werden die Interessenten Schlange stehen. Immerhin, gut für West Bromwich Albion, dass man seinen Vertrag schon im zurückliegenden Dezember bis Juni 2017 verlängerte, seine „Ausbildungsentschädigung“ dürfte sich somit aller Voraussicht nach in schwindelerregender Höhe bewegen. „Ich hatte das Glück, in all den Jahren mit einigen hochtalentierten Jungs arbeiten zu dürfen, dazu zählte beispielsweise auch Wayne Rooney. Saido Berahino hat die Chance, ein Star zu werden“, weiß Alan Irvine, seit Juni Trainer bei den „Baggies“, um die glänzende Perspektive des Mannes, dessen Karriere einst auf den Straßen Burundis ihren Anfang nahm. Während die Aussichten seiner Landsleute dort weit weniger rosig erscheinen, stehen ihm längst alle Türen offen.

Seine Geschichte aber bleibt eine tragische, wenngleich mit filmreifem Happy End. Dennoch oder gerade deshalb hat Saido Berahino nie vergessen, wo seine Wurzeln liegen. „Was wirklich zählt für mich“, sagt er, „ist, dass es meiner Familie gut geht. Wir hatten nie besonders viel, umso dankbarer bin ich jetzt. Obwohl ich in England eine neue Heimat gefunden habe und wir als Familie diesem Land alles zu verdanken haben, werde ich Burundi immer im Herzen tragen. Ich möchte auch den Menschen dort etwas zurückgeben.“ Aus dieser inneren Verbundenheit schöpft er Kraft, ebenso wie aus seinem Glauben. „Gott gibt die Richtung vor, er führt mich auf meinem Weg. Und mein Vater schaut von dort oben lächelnd auf mich herab.“ Ihm widmet er jedes einzelne Tor.

Redaktion Magath & Fußball

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