Beeindruckender Titelverteidiger


Veröffentlicht am 28. Mai 2015

1 Flares 1 Flares ×

imago19990307m_c

FC Sevilla wiederholt Europa League Triumph

Zum vierten Mal in den vergangenen zehn Jahren heißt der Gewinner des zweitwichtigsten europäischen Vereinswettbewerbs FC Sevilla. Dank eines 3:2-Sieges über Dnipro Dnipropetrowsk gelang den Spaniern das Kunststück einer Titelverteidigung in der Europa League respektive im UEFA Cup nach 2007 bereits zum zweiten Mal. Sevilla mit vier Titeln nun alleiniger Rekordhalter vor Juventus Turin, Inter Mailand und dem FC Liverpool, die den UEFA Pokal allesamt dreimal gewinnen konnten, sich seit der Umbenennung des Wettbewerbs zur Saison 2009/10 aber noch nicht in der Siegerliste wiederfanden. Die Endspiel-Weste des Sevilla Fútbol Club weiterhin blütenweiß: Alle vier Finalspiele gegen den FC Middlesbrough (2006, 4:0), Espanyol Barcelona (2007, 2:2 n.V., 3:1 i.E.), Benfica Lissabon (2014, 0:0 n.V., 4:2 i.E.) und nun Dnipro endeten siegreich. Wer diesmal aber dachte, die Ukrainer seien für die erfahrenen Andalusier kein ernstzunehmender Gegner, sah sich im Verlauf einer interessanten Partie recht schnell eines Besseren belehrt. 56.000 Zuschauer im Warschauer Nationalstadion – Schauplatz der 1:2-Niederlage Deutschlands im EM-Halbfinale 2012 gegen Italien – erlebten ein ebenso spannendes wie fußballerisch ansehnliches Europa League Finale 2015.

Viele hatten im Vorfeld auf eine klare Angelegenheit für Sevilla spekuliert – nicht zuletzt weil im Viertelfinale der Champions League Teilnehmer und frischgebackene russische Meister Zenit St. Petersburg (2:1, 2:2) ausgeschaltet und im Halbfinale der AC Florenz (3:0, 2:0) deutlich in die Schranken gewiesen wurde. Zuvor waren bereits Borussia Mönchengladbach (1:0, 3:2) und im Achtelfinale der FC Villareal (3:1, 2:1) einigermaßen chancenlos gewesen. Überhaupt hatte der amtierende Champion in 14 Europa League Begegnungen der laufenden Spielzeit erst eine Niederlage verdauen müssen – in der Vorrunde unterlag man bei Feyenoord Rotterdam 0:2. Insbesondere die KO-Phase entpuppte sich als Triumphzug: Sieben Siege, ein Unentschieden – Sevilla das Maß aller Dinge. Die Favoritenrolle vor dem Endspiel klar verteilt, wenngleich Dnipro überraschenderweise im Halbfinale den auf dem Papier ärgsten Widersacher der Andalusier eliminiert hatte. Zwei Treffer des 42-fachen ukrainischen Nationalspielers Jewhen Selesnjow reichten, um die Finalträume des SSC Neapel (1:1, 1:0) und seines hochgelobten Cheftrainers Rafael Benítez platzen zu lassen. Auch der griechische Meister Olympiakos Piräus (2:0, 2:2), Ajax Amsterdam (1:0, 1:2 n.V.) im Achtelfinale und im Viertelfinale schließlich der FC Brügge (0:0, 0:1) hatten gegen das Team von Myron Markewytsch bereits das Nachsehen gehabt.

Entsprechend selbstbewusst begann Dnipro das wohl größte Spiel seiner Clubgeschichte. Schon nach sieben Minuten war Angreifer Nikola Kalinić zur Stelle und verwertete eine Flanke des Brasilianers Matheus per Kopf zur überraschenden Führung. Sevilla davon allerdings kaum geschockt und nicht um eine Antwort verlegen. Schnell offenbarten sich spielerische Vorteile, der Ausgleich lag schon bei den Versuchen von Aleix Vidal und Antonio Reyes in der Luft, fiel aber erst nach knapp einer halben Stunde. Der einzige Pole im Endspiel zu Warschau, Grzegorz Krychowiak, schaltete nach einer Ecke am schnellsten und traf aus dem Gewühl heraus zum 1:1. Keine drei Minuten später war der stets brandgefährliche Carlos Bacca auf und davon, umkurvte Denis Boyko im ukrainischen Tor spielend leicht und brachte Sevilla erstmals in Front. Die Vorentscheidung war das jedoch lange nicht, denn unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff zeigte Ruslan Rotan seine außergewöhnlichen Standardqualitäten und schoss von der Strafraumkante einen direkten Freistoß zum 2:2-Pausenstand ins Netz. Der spektakuläre Schlusspunkt einer beeindruckenden ersten Hälfte, die man in dieser Form nicht unbedingt erwarten konnte.

Finalheld Carlos Bacca (rechts) könnte 2015/16 in der Premier League auf Torejagd gehen.

Finalheld Carlos Bacca (rechts) könnte 2015/16 in der Premier League auf Torejagd gehen.

Zwar vermochte das Finale in Durchgang zwei nicht mehr ganz an das Tempo und den Unterhaltungswert der ersten 45 Minuten anzuknüpfen, gute Werbung für die Europa League war diese Partie aber allemal. Dnipropetrowsk hielt lange erfolgreich dagegen, fand jedoch im starken Bacca seinen Meister. Der insbesondere in England heftig umworbene Kolumbianer krönte seine tolle Vorstellung nach 73 Minuten mit dem entscheidenden Tor. Eiskalt nutzte er die aus einem Abwehrfehler resultierende Vorlage von Vitolo und markierte mit dem linken Außenrist seinen siebten Europa League Treffer. Zum Man of the Match wurde wenig später dennoch sein Teamkollege Éver Banega bestimmt.

Das freilich wird Sevillas Erfolgscoach Unai Emery herzlich egal gewesen sein. Im jungen Traineralter von 43 Jahren hat der aus Fuenterrabía stammende Sohn einer Torhüterfamilie – der Großvater gewann mit Real Unión Irún einst zweimal die Copa del Rey und auch sein Vater stand bei Deportivo La Coruña und Recreativo Huelva zwischen den Pfosten – nunmehr bereits 50 Europa League Spiele vorzuweisen. Das schönste Jubiläumsgeschenk bescherte ihm seine Mannschaft in Form des zweiten Europapokaltriumphs in Serie. Kein Wunder, dass Unai Emery dieser Tage auch als möglicher Ancelotti-Nachfolger bei Real Madrid gehandelt wird.

Champions League kann er im nächsten Jahr aber auch mit dem FC Sevilla spielen – und das, obwohl trotz beachtlichen 76 Punkten im hochklassig besetzten Spitzenfeld der Primera División „nur“ der fünfte Platz erreicht wurde. Erstmals nämlich erhält der amtierende Europa League Sieger 2015/16 einen festen Startplatz in der Gruppenphase der Königsklasse. Für den fünffachen spanischen Pokalsieger und Meister von 1946 ist das der hochverdiente Lohn einer weiteren glanzvollen Spielzeit auf internationaler Bühne – und für alle anderen großen europäischen Fußballnationen zukünftig vielleicht ein Anreiz, die Europa League weniger stiefmütterlich zu behandeln.

Redaktion Magath & Fußball